»Gelöscht« – Interview mit der Fantasy-Autorin Sabina S. Schneider

imageSabina S. Schneiders Werke habe ich durch ihre überaus spannende Dystopie »Gelöscht« für mich entdeckt. Ganz spontan hat die Autorin mir ein paar Fragen über sich und zu ihrer Tätigkeit beantwortet.

Liebe Sabina, es ist kaum zu glauben: Ganze 22 Bücher hast du in nur 3 Jahren geschrieben. Wie bitte hast du das bewerkstelligt? Schlummern Superkräfte in dir oder trägst du viele Ideen schon längere Zeit mit dir herum?

Ich hätte gerne Superkräfte. Anfangen würde ich jedoch mit fliegen, wie Peter Pan. Mir fehlt jedoch noch der Feenstaub. Dann wird es wohl doch Super-WO-man. Ich bin, manche nennen es verbissen, ich sage gerne zielstrebig dazu. Kurz vor meinem 30. Lebensjahr habe ich meinen Vollzeitjob gekündigt und mir eine Teilzeitanstellung gesucht, um Zeit fürs Schreiben zu haben. Und so habe ich in jeder Minute, die ich nicht gearbeitet oder geschlafen habe, geschrieben. Mein Antrieb war (und ist es immer noch) der Traum, irgendwann vom Schreiben leben zu können. Und vor allem wollte ich besser werden. Da ich erst kurz vor 30 angefangen habe mit dem Schreiben, habe ich einiges nachzuholen und der einzige Weg für mich ist, durch Erfahrung lernen. Viel schreiben, um besser zu werden. Und ich denke, bisher hat es gut geklappt. Im letzten Jahr bin ich etwas ruhiger geworden und blicke mit geschulterem Auge auf meine ersten Bücher.

Ist dir schon gelungen, das Schreiben zu deinem Hauptberuf zu machen?

Leider nein. Im Moment arbeite ich 30h die Woche im Büro, der Rest gehört dem Schreiben. Vom Schreiben leben, ist nicht einfach. Vor allem nicht, wenn man ein so lichtscheues Wesen ist, wie ich bin, das Menschenmengen meidet und allein bei dem Gedanken, vor Menschenmassen lesen zu müssen, in Ohnmacht fällt 😉 Drei Jahre sind in einer Selbstständigkeit nicht viel. Ein Babyschritt so zusagen. Doch wer weiß schon, was die Zukunft bringt?

Wie lange benötigst du in der Regel von der Plot-Entwicklung bis zum fertigen Buch? Wie viele Stunden am Tag schreibst du?

Das ist sehr unterschiedlich und kommt auf das Buch, die Geschichte und meine Ausdauer an. Zu meinen besten Zeiten waren es etwa zwei Monate für ein Buch. Das Schreiben geht recht fix, doch die Überarbeitung dauert. Normalerweise schreibe ich eine Erstfassung, die ich dann bis zu vier- oder fünfmal überarbeite. Im Moment ist es nicht leicht Beruf und Berufung unter einen Hut zu bekommen und meine Batterien sind nicht mehr ganz so aufgeladen wie einst. Zu meinen besten Zeiten habe ich nach sechs Stunden im Büro noch fünf bis sechs Stunden geschrieben.

Wer unterstützt dich bei der Entstehung deiner Werke? Arbeitest du mit Testlesern zusammen?

Im Laufe der Jahre habe ich viele tolle Menschen kennengelernt, die sich die Zeit nehmen meine Geschichten zu lesen, zu kommentieren und ja, teilweise zu zerreißen, damit ich sie wieder zu einer besseren zusammensetzen kann.

Welcher deiner eigenen Romanhelden ist dein liebster?

DAS ist eine schwierige Frage. Doch wenn ich, ohne nachzudenken, antworten müsste, würde ich P. K. aus DNA II – ANTI-HERO sagen. Es hat so viel Spaß gemacht seine Geschichte niederzuschreiben und ich habe mich in ihn verliebt. Es war ein „Lass die Sau raus“ ohne jegliche gesellschaftlichen Normen und Bindungen. Ein Teil von mir beneidet ihn um seine „Leckt mich am Arsch“-Einstellung. Leben, ohne Einschränkungen, sagen und machen, was man will, ohne auch nur daran zu denken, die Maske der Höflichkeit aufsetzen zu müssen. Ich denke, jeder, der mich kennt und diese Geschichte gelesen hat, wird mich mit anderen Augen sehen. Denn auch in mir schlummert ein Altes Ego, der den lieben langen Tag nichts anderes machen will, als faulenzen und der Welt den Stinkefinger zeigen. Hach… ich liebe P. K. einfach.

Wie vereinbarst du deine Leidenschaft, Romane zu schreiben, mit dem alltäglichen Leben?

Im Moment hat das Schreiben Vorrang. Vor fast allem. Bei einem 30h Job plus Schreiben bleibt das soziale Leben ein wenig auf der Strecke. Zum Glück habe ich Freunde, die Nachsicht mit mir haben und Verständnis dafür, wenn ich mal wieder sage: „Diese Woche war ich schon einmal aus, könnten wir uns nächste Woche treffen? Ich muss schreiben.“

Was gönnst du dir, wenn du wieder mal ein Buch fertig gestellt hast?

Ich lege mich in die Badewanne mit einem Green Lemon Becks, einem Buch und weiche mich stundenlang ein. ☺ Davor designe ich jedoch noch das Cover. Ich liebe es eine Geschichte mit dem passenden Cover abzuschließen. Ab und zu ziehe ich mir eine Serie nach der anderen rein, ohne Pause, und stelle mein Gehirn auf Durchzug.

Wer ist dein treuester Fan?

Da fallen mir spontan zwei, seit neuestem drei ein. Keinen davon habe ich bisher von Angesicht zu Angesicht gesehen. Was ich als riesiges Kompliment sehe. Denn sie mögen mich, weil sie meine Geschichten mögen <3 In meinem direkten Freundeskreis haben zwar schon einige das ein oder andere Buch von mir gelesen, doch wenige können sich mit dem Genre Fantasy identifizieren. Sie lesen also, weil sie neugierig sind, was ich so schreibe. Vieles verwirrt sie. ☺

An welchem Projekt arbeitest du momentan?

Im Moment drücke ich mich davor, an UMBRA 02 weiterzuschreiben und verpasse meiner ersten Reihe VON DEN GÖTTERN VERLASSEN neue Cover und schreibe die Bände hier und da etwas um. UMBRA ist ein langgehegter Traum von mir. Ich wollte schon immer ein Märchen schreiben. Eine völlig neue Welt erfinden. UMBRA 01 ist mir, meiner Meinung nach, gut gelungen. UMBRA 02 hat leider das Pech in eine Phase zu fallen, in der die Batterien nicht mehr das hergeben, was sie mal leisten konnten. Und ich möchte nicht auf Teufel komm raus irgendetwas schreiben.

Kommst du selbst überhaupt noch zum Lesen? Und falls ja, was liest du am liebsten?

Ich lese viel und gerne. Die Bücher, die ich lese, stelle ich auch auf meiner FB-Autoren-Seite vor. Hauptsächlich lese ich Fantasy. Das jedoch querbeet. Von Stephen King, über Terry Brooks bis zu Peter S. Beagle. Ich liebe es, neue Autoren zu entdecken und in neuartigen Geschichten abzutauchen. Das einzige, was mir das Schreiben ein wenig genommen hat, ist das Lesen auf Deutsch. Irgendwie fühlt es sich nach Arbeit an. Daher greife ich auf englische Bücher zurück, manchmal auch auf russische (aber eher selten, sollte ich mal wieder tun).

Liebe Sabina, woher stammen diese überaus strukturierten und detaillierten Fantasien, denen du so kunstvoll Worte verleihst? Wie finden diese Geschichten zu dir?

Jede Geschichte hat auf ihrem eigenen Weg zu mir gefunden. Manchmal sind es Fragen, die mich beschäftigen, manchmal Vorstellungen und Gedanken, die mich einfangen und nicht wieder loslassen. Oft verarbeite ich Dinge, die ich nicht verstehe und die sich mir erst beim Schreiben eröffnen. Ich habe einen alten Post aus meiner FB-Autoren-Seite herausgesucht und kopiere ihn frech hier rein.

✨VON DEN GÖTTERN VERLASSEN✨ – ist in dem Gedanken entstanden, was passiert, wenn man nichts empfinden kann. Wenn wir nichts fühlen, müssen wir nicht leiden. Und doch ist es der Schmerz, der uns menschlich macht und uns die Fähigkeit verleiht, Empathie zu empfinden und uns selbst wertzuschätzen.

https://www.amazon.de/Von-den-Göttern-verlassen-ZERELF-ebook/dp/B013JSY3MU
http://www.thalia.de/shop/home/suchartikel/von_den_goettern_verlassen_i/sabina_s_schneider/EAN9783739608402

✨DIE VERGESSENEN✨ – ist sehr biographisch, so unglaublich es auch klingen mag. Vor allem die ersten zwei Bände, geboren in einer sehr schweren Phase meines Lebens.

https://www.amazon.de/Die-Vergessenen-II-Sabina-Schneider-ebook/dp/B01CEDME2M
http://www.thalia.de/shop/home/suchartikel/die_vergessenen_ii_kitsune/sabina_s_schneider/EAN9783739640075

✨DNA I✨ – Hier wollte ich die Grausamkeit der Wahrheit gegen die Leichtigkeit und Güte der Lüge abwägen. Klingt abgedreht? Ist es auch 😉

http://www.thalia.de/shop/home/suchartikel/dna_die_erbsuende/sabina_s_schneider/EAN9783739622781
https://www.amazon.de/DNA-Erbsünde-Sabina-S-Schneider-ebook/dp/B017XCG1BY

✨DNA II✨ – Die Erschaffung eines Bad-Ass Helden, der keiner sein will, hat mich hier gereizt. Und ich habe mich in P.K.s Ehrlichkeit verliebt <3 Ich beneide seine „Ihr könnt mich alle“ Einstellung sehr. Wäre das Leben nicht schön und vor allem einfach, wenn die Meinung der anderen uns nicht einmal peripher tangieren würde? Handeln, ohne darüber nachzudenken, was die Welt von dir erwartet.

✨DNA III✨ – Die Verführung des Bösen. Hier bin ich biblisch geworden und wurde als geisteskrank bezeichnet. Ich habe gelernt, es als Kompliment zu sehen.

✨AETERNITAS✨ – Was, wenn unsere Gegenwart Teil von einer Vergangenheit ist, die noch nicht niedergeschrieben worden ist? Muss der Mensch sich zum überlegenen Wesen erheben oder sind es nur aneinandergereihte Zufälle, die wir Evolution nennen, die uns über die Erde schalten und walten lassen? Haben wir unsere Rolle verdient, geschweige denn verstanden?
https://www.amazon.de/Aeternitas-01-Sabina-S-Schneider-ebook/dp/B01BY290KS
http://www.thalia.de/shop/home/suchartikel/aeternitas_01_eva_adam/sabina_s_schneider/EAN9783739638065

✨GELÖSCHT✨ – Der Gedanke, wie es wohl wäre bei null anzufangen, hat mich auf dem Nachhauseweg gepackt, in seiner Schönheit und Fürchterlichkeit gefesselt und nicht mehr losgelassen. Sich neu zu entfalten, neu zu formen, ohne die Schwere von Schuld oder Scham. Doch kann man sich an dem Neuen erfreuen, wenn man das Alte nicht kennt? Ist das Vergessen des Selbst nicht eine weitere Form von Tod?
https://www.amazon.de/Gelöscht-01-Sabina-S-Schneider-ebook/dp/B01GHECXZC
http://www.thalia.de/shop/home/suchartikel/geloescht_01_white/sabina_s_schneider/EAN9783739658216

Gibt es etwas, was du deinen Fans oder zukünftigen Lesern mitteilen möchtest?

Viele meiner ersten Bände gibt es kostenlos als eBooks auf den gängigen Plattformen. Lest doch mal rein und macht euch ein eignes Bild! GELÖSCHT ist die letzte vollendete Reihe. Davor kommt AETERNITAS, DNA und meine ersten Bücher VON DEN GÖTTERN VERLASSEN.
Ich würde mich über einen Besuch auf meiner FB-Autorenseite oder meiner Homepage sehr freuen. ☺ Auf meiner Autorenseite veranstalte ich häufiger Gewinnspiele, bei denen ihr unter anderem auch Printversionen meiner Bücher gewinnen könnt. Reinklicken und liken lohnt sich 😉
facebook.com/sabinas.schneider
sabinaschneider.wordpress.com

Liebe Sabina, vielen, vielen Dank für deine Antworten! Ich wünsche dir alles, alles Gute für deine weitere Autorentätigkeit!
Aber vor allem freue ich mich schon darauf, wieder eines deiner Werke zu lesen, sobald ich die »Gelöscht«-Reihe beendet habe … Mit deinen Büchern hast du mich wirklich und wahrhaftig geflasht!

Veröffentlicht unter Interviews | Hinterlasse einen Kommentar

Kreativität vs. Kohle

Kreativität vs. KohleNeulich morgens sagte mein Neffe L. zu mir:

»Willst du nicht endlich mal wieder arbeiten gehen und Geld verdienen? Mit Bücherschreiben verdient man doch nichts!«
Eine klare Ansage – Bamm – und das auch noch aus dem Munde eines Zehnjährigen! Dabei hatte ich zu diesem Zeitpunkt doch gerade mal ganze vier Monate meiner berufliche Auszeit hinter mir. Nicht mehr und nicht weniger. Und schon gleich gar nicht war ich durch damit, meine Kreativität ausgelebt oder Zeit mit meinem Kind verbracht zu haben.
Einfache Frage also, sollte man meinen, aber gibt es tatsächlich eine einfache Antwort?

Zunächst einmal wunderte ich mich über diese so bestimmte Aussage eines Kindes, dessen Eltern einen sagen wir mal, recht alternativen Lebensstil pflegen. Der Vater von L. ist ein vielseitiger und gefragter Musiker und seine Mutter, meine Schwester, selbständige Yogalehrerin und Tantramasseurin mit Leib und Seele. Dazu näht sie leidenschaftlich gern und baut sich ein eigenes Markenlabel auf. Die Berufe beide sind durchaus keine alltäglichen Broterwerbe, geschweige denn welche, mit denen man fett Kohle macht. Nichtsdestotrotz lieben mein Schwager und meine Schwester es, nicht im herkömmlichen Sinne berufstätig zu sein, sondern vielmehr ihre Berufung – ihre Passion – zu leben. Sie gehen darin auf, kreativ zu sein, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und diesen ein selbstbestimmtes Leben vorzuleben. Sie entscheiden selbst, wann und wo sie arbeiten wollen – natürlich unter Einschränkungen. Aber gut, wo gibt es jene nicht? Schließlich müssen Miete und andere Fixkosten bezahlt werden und der Schulbesuch der Kinder ist hierzulande obligatorisch, weswegen L.’s Eltern versuchen, zumindest in der Nähe einer guten Schule zu wohnen.

»Warum denkst du, dass man mit Kreativität kein Geld verdient?«, habe ich meinen Neffen als erstes gefragt. Und dann hat er spontan all die Dinge aufgezählt, die andere Kinder an materiellen Dingen besitzen, die es im Haushalt meines Schwagers und meiner Schwester nicht gibt: Fernseher, PlayStation, ein eigenes Handy für jedes Kind und und und.
Dieser Punkt ging dann auf jeden Fall mal an meinen Neffen. L.’s Eltern, die keinen typischen, gut bezahlten 9-to-5-Job ausüben, können in ihrer Wohngegend, wo viele Eltern bestbezahlte Audianer sind, im Schlagabtausch der teuersten Geschenke für den Nachwuchs natürlich nicht mithalten. Doch was ist mit all den Nachmittagen am Badesee mit Vater, Mutter und Bruder, während andere Kinder im Schulhort darauf warten müssen, erst spät am Abend von ihren Eltern abgeholt zu werden? Sind Zeit, Zuneigung und Liebe der Eltern tatsächlich weniger wert als teure Geschenke wie Nintendo oder anderer technischer Schnickschnack?

Was also habe ich meinem Neffen geantwortet? Ich habe ihn nicht daran erinnert, dass ich letztes Jahr als Alleinerziehende Vollzeit gearbeitet habe und zudem Berufspendler war. Genauso wenig habe ich erwähnt, dass mein kleiner Sohn und ich zu dieser Zeit ständig krank waren. Zudem habe ich L. auch nicht erklärt, dass ein Großteil meines Einkommens für die doppelte Haushaltsführung draufging. Doch mir selbst war nur allzu gut in Erinnerung, wie ich mich nach der Arbeit und nach anstrengendem morgendlichen als auch abendlichen Pendeln gefühlt habe: vollkommen saft- und kraftlos. Mein zweites Zuhause in der Nähe meines Arbeitsplatzes war eine Zeitlang ein Campingplatz – aus Kostengründen, aber auch um an einem schönen See leben zu können. Dort hatte ich zwar kein Kind an meiner Seite, es sei denn, meine Familie kam mich mit meinem Kind besuchen, aber dennoch fehlten mir Zeit, Energie und Muse, um auch nur irgendetwas Kreatives anzugehen. Meine Buchprojekte verschwanden wieder auf einer meiner Festplatten und es sah ganz danach aus als würde dies auf Nimmerwiedersehen geschehen. Nach der Arbeit reichte meine Kraft meist gerade mal dazu, spazieren zu gehen, eine Runde zu schwimmen und zu Hause anzurufen. Dann hieß es auch schon wieder ab ins Bett, denn ich wusste, früh 04:50 Uhr klingelt bereits der Wecker. An den Wochenenden hatte ich, wenn es gut lief, insgesamt acht Stunden Pendelzeit, wenn es schlecht lief, auch mal zwölf Stunden. Freitagabend kam ich erschöpft nach Hause und oft hieß es bereits Sonntagnachmittag wieder ab auf die Autobahn.

Mein Kind und ich hatten das große Glück, dass wir zu dieser bei meiner Schwester und meinem Schwager im Haus leben durften, doch als Ausgleich für die Betreuung meines Kindes während der Wochentage hatte ich am Wochenende gleich drei Kinder um mich herum. Mein Söhnchen und meine beiden Neffen. Denn das Wochenende ist nun mal die Hauptarbeitszeit meines Schwagers und meiner Schwester. Ich fühlte mich vollkommen ausgebrannt und hatte das Gefühl, kein Leben mehr zu haben, obschon ich doch unter der Woche kein Kind um mich herum hatte und zudem zeitweise an einem schönen See wohnte.

Der Arzt, den ich wegen meiner unzähligen körperlichen Beschwerden aufgesucht hatte, schlug mir schließlich eine Mutter-Kind-Kur vor – immerhin hatte ich ja noch nie eine Kur beantragt, war alleinerziehend und chronisch anämisch, müde und schwach. Als ich jedoch alle Anträge dafür auf dem Tisch liegen hatte, war mir klar: das ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Eine Kur dient letzten Endes dazu, mich wieder fit zu machen fürs Arbeitsleben, jedoch nicht dem Ausleben meiner Kreativität und dem Zusammensein mit meinem Kind. Schon gleich gar nicht bei einem Kuraufenthalt mit lauter kleinen Kindern und deren gestressten und genervten Müttern, wie ich das beim Besuch einer Freundin in einer solchen Einrichtung erlebt hatte. Aber vor allem anderen wusste ich, eine Kur ändert nichts an der Gesamtsituation, für die ich eine Lösung finden musste. So stand ich also vor folgender Frage:

»Finanzielle Sicherheit in einem bombensicheren Job zu genießen und dabei in Kauf zu nehmen, krank, unglücklich und getrennt von meinem Kind zu sein? Oder sollte ich doch lieber das Risiko eingehen, eine berufliche Auszeit zu beantragen, um endlich wieder Zeit und Muse für meinen kleinen Sohn, mich und meine Kreativität, im Gegenzug jedoch keinerlei Aussicht auf festes Einkommen zu haben?«

Weitere Fragen standen im Raum:
»Was will ich? Was ist das Beste für meinen kleinen Sohn? Schaffe ich das? Wird mein Arbeitgeber das genehmigen?«

Mein Söhnchen war mittlerweile dauerkrank geworden und konnte nachts nicht mehr durchschlafen, weil er ständig Angst hatte, ich würde nicht wiederkommen. Und auch ich war krankheitsbedingt oft ausgefallen, aber würde mein Erspartes auch ausreichen?

Meine Entscheidung fiel auf Letzteres – die berufliche Auszeit und so stand ich Ende September letzten Jahres vor meinem Chef, habe ihn über meine Pläne unterrichtet und einen schriftlichen Antrag eingereicht. Mein Vorgesetzter kannte meine Situation und hatte keine Einwände. Dann lag der Antrag noch zwei Monate in der Personalabteilung. Währenddessen habe ich weiter gearbeitet und jeden Cent, den ich erübrigen konnte, beiseite gelegt. Eine eigene Wohnung und mein Auto hatte ich schon vor längerer Zeit aufgegeben. Eine Zeitlang lebte ich also im Camper und als es zu kalt wurde, bei meinem Bruder und seiner Freundin.
Anfang Dezember 2015 hatte ich nach mehreren Nachfragen endlich meine schriftliche Genehmigung für die berufliche Auszeit zum Zwecke der Betreuung meines Kindes. Zu meinem Geburtstag Mitte Dezember saß ich demgemäß im Reisebüro und habe voller Vorfreude, aber auch ein wenig beklommen unsere Flüge gebucht und nur fünf Tage später sind wir tatsächlich los geflogen.
Trotzdem ich also alleinerziehend mit Kind und derzeit ohne Einkommen bin, habe ich also von Beginn meiner beruflichen Auszeit an meinen Traum vom zumindest zeitweisen Leben im Ausland umgesetzt. Mein Sohn und ich waren demgemäß drei Monate in Australien und zudem einen ganzen Monat auf Bali. In Australien haben wir uns für einen Großteil unseres Aufenthaltes ein Haus mit Pool und Garten gemietet, ganz in der Nähe eines großen Parks. Noch bevor wir seinen vierten Geburtstag gefeiert haben, lernte Sohnemann denn auch schwimmen – nach wie vor bin ich stolz wie Bolle auf mich und meine kleine Wasserratte.
24/7 waren Söhnchen und ich zusammen und haben das brüllend heiße Sommerwetter in Perth mal mehr und mal weniger genossen. Aber auch wenn wir nachts in Ermangelung einer Klimaanlage oft nicht schlafen konnten, so tröstete doch der Gedanken daran, dass es in Deutschland kalt und grau sein würde. Ob brütender Hitze und trotzdem ich vier Monate lang keine noch so kleine Auszeit vom Muttersein hatte, ist es mir dennoch gelungen, ein weiteres Buch zu schreiben. Und was das Allerwichtigste: endlich hatte ich den Mut und die Kraft, meine digitale Schublade erneut zu öffnen und mich um die Veröffentlichung meiner Bücher zu kümmern. Wenn alles so klappt, wie ich das geplant habe, so gibt es meinen ersten Roman ab Juni diesen Jahres zu kaufen. Und das bedeutet mir was, habe ich ihn doch bereits im Jahr 2009 angefangen. Mittlerweile habe ich drei fertige Romane rumliegen und zudem bewegen mich noch ganz andere Dinge und darüber will ich ebenfalls schreiben.
Was soll ich sagen: ich liebe es, derzeit eine berufliche Auszeit gemeinsam mit meinem Kind zu haben und dabei meiner Passion, dem Schreiben, zu folgen – und das, wenn alles glatt geht, noch ganze acht Monate lang.

Aber das ist natürlich nicht die ganze Wahrheit:
Es ist nämlich so, dass es durchaus nicht immer einfach ist, den ganzen Tag über ein kleines Plappermäulchen um sich zu haben sowie überwiegend der einzige Ansprechpartner für mein Kind zu sein. Manches Mal würde ich zu gerne alleine spazieren gehen und einfach mal meinen Gedanken nachhängen. Und Geld ist ebenfalls ein Thema, welches ich zudem noch nicht abschließend für mich gelöst habe. Es ist sogar von solcher Dringlichkeit, dass ich allen Ernstes überlegt habe, am 01.07.16 doch wieder bei meinem Arbeitgeber auf der Matte zu stehen. Noch wäre das möglich, denn tatsächlich habe ich nur eine schriftliche Genehmigung für sechs Monate Auszeit, über meinen Folgeantrag bis Ende des Jahres wurde nämlich noch nicht entschieden.
Welche Antwort gebe ich also meinem Neffen L. und vor allem welche Antwort gebe ich mir selbst?

Womöglich verdiene ich mit Bücherschreiben nicht einmal ansatzweise so viel Geld wie in meinem Hauptjob, aber im Moment tue ich das, was ich liebe und bin mit den Menschen zusammen, die ich mag. Das macht mich froh. Was jedoch die Zukunft bringt, das kann ich heute noch nicht wissen. Ich kann nur Vertrauen in mich und meine Entscheidungen haben und wenn alle Stricke reißen, dann beantrage ich einen Kredit und lebe davon, bis ich wieder Einkommen erziele. Immerhin wartet ja ab Anfang Januar 2017 wieder meine alte Arbeit auf mich. Bin ich leichtsinnig, wenn ich noch nicht weiß, wo ich demnächst leben werde? Bin ich verantwortungslos, wenn ich statt im Büro zu sitzen, lieber mit meinem Kind zusammen und glücklich sein möchte? Ist es das wert, Nacht für Nacht und wann immer mein kleiner Sohn spielt, am iPad zu sitzen und meine Geschichten zu schreiben?

Ich sage ja. Das ist es wert. Jede einzelne Minute ist es wert. Und diese Antwort gebe ich auch meinem Neffen:
»Nein, ich will im Moment nicht arbeiten gehen. Ich will meine Bücher schreiben, auch ohne vorab wissen zu können, ob sie sich verkaufen. Ich will gesund und glücklich und mit meinem Söhnchen zusammen sein. Das will ich und das tue ich und der Rest wird sich fügen.«

Namasté!

Eure Jedida

Veröffentlicht unter Kurzgeschichten | 1 Kommentar