Mr. Right hat einen Bruder – Leseprobe

Prolog
Es gibt sie, diese wunderbaren Tage, an denen du schwebst und über das ganze Gesicht lächelnd durch die Straßen läufst. Du siehst nicht, wohin du gehst und es ist gänzlich unwichtig, wohin dich deine Schritte führen. Kein Auto wird dich überfahren, kein Mensch wird dich anschnauzen, weil du ihm in den Weg läufst. Woran das liegt? Das ist ganz einfach und schnell gesagt: Weil du sozusagen in einer Glückswolke schwebst, die dich zielsicher und passgenau durch alle Widrigkeiten manövriert. Die Leute lächeln, wenn sie dich sehen, und denken, da ist jemand verliebt oder er hat den Job schlechthin bekommen – was auch immer -, diesem Menschen ist etwas ganz Wunderbares passiert. Und sie erinnern sich daran, dass sie selbst solche Tage haben, wenigstens hin und wieder einmal – und das stimmt sie froh.
Auch ich hatte einen dieser unglaublich wunderbaren Tage und dabei war nicht einmal etwas wirklich Spektakuläres passiert. Das Ganze begann so: Ich lief einfach so – lässig schlendernd – die Straße entlang, eine Flasche Wasser, ein Buch und eine Dose Cashewkerne in meiner Umhängetasche. Ich wollte in den Park gehen, entspannt Sonne tanken und ein wenig lesen. Meine Kopfhörer aufgesetzt, lief ich also die Straße entlang und hörte meine Lieblingsmusik. Schon lange war ich nicht mehr so gelöst gewesen. Meine Schritte folgten dem Rhythmus der Musik und auch mein Kopf bewegte sich dem Beat folgend, der aus meinen Kopfhörern drang.
Ein gut aussehender schwarzhaariger Typ mit verspiegelter Sonnenbrille fuhr mit seinem dicken BMW an mir vorbei. Ziemlich auffällig schaute er in meine Richtung. Ein wenig verunsichert sah ich ihm hinterher, als sein Blick mir noch im Weiterfahren folgte. Meinte er tatsächlich mich? Ganz offensichtlich schien das der Fall zu sein, denn er lenkte das Auto schwungvoll an den Straßenrand und hielt an. Der Typ stieg aus, warf die Autotür zu, nahm die Sonnenbrille ab und lief geradewegs auf mich zu.
Und dann endlich: Erkennen meinerseits. Einen Augenblick lang vergaß ich glatt zu atmen. Ich nahm die Kopfhörer ab und ließ sie achtlos in meine Tasche gleiten. Da war er: Mein Raffael. Meine Knie wurden weich und mein Herz schlug höher. Wie lange hatte ich ihn nicht gesehen? Ich konnte es fast auf den Tag genau sagen, denn nicht eine Minute lang hatte ich ihn vergessen können. Drei Jahre und knapp neun Monate war es her, seit wir uns das letzte Mal begegnet waren. Warum ich das so genau wusste? Nun, das war eine lange Geschichte, wenngleich sie auch nicht mit einem Happy End dienen konnte. Und doch waren da noch so viele Gefühle, förmlich wie auf Knopfdruck. Ihm schien es ebenso zu gehen, denn im Nullkommanichts war er bei mir und zog mich stürmisch in seine Arme. Er drückte mich ganz fest an seine breite Brust und schaute mir tief in die Augen.
»Mensch, Lana«, sagte er und seine tiefe Stimme ging mir durch Mark und Bein. »Ich fass‘ es nicht. Weißt du, wie lange ich mir schon vorstelle, dass ich dich einfach mal so treffe? Ohne jede Vorbereitung, ohne irgendeinen, der sonst noch dabei ist? Nur du und ich?«
Mechanisch schüttelte ich den Kopf und Tränen stiegen mir in die Augen. So ein Glück, so ein Zufall, purzelten meine Gedanken wild durcheinander. Oder doch kein Zufall? Ich ließ mich in seine Arme sinken und meine Kehle war wie zugeschnürt. Alles um mich herum verschwamm im Taumel meiner Gefühle. Selbst der Verkehrslärm verebbte in meiner Wahrnehmung, da waren nur noch meine eigenen Gedanken, die überlaut in meinem Kopf schluchzten und gleichzeitig jubelten. Endlich, dachte ich und eine wohlige Wärme strömte durch meinen Körper. Endlich sehe ich ihn wieder. Endlich wird alles gut.
Aber das Leben holte uns zu schnell wieder ein. Raffael musste weiter.
»Lana«, sagte er und seine Stimme war plötzlich ganz dunkel. »Ich will nicht weg. Nicht jetzt, wo ich dich endlich getroffen habe. Aber ich muss. Gleich morgen früh habe ich ein Meeting in Kopenhagen. Ich war gerade auf dem Weg zum Flieger.«
Sein Blick drückte Bedauern aus und auch ich mochte mich gar nicht so recht von ihm trennen. Wir glichen noch in aller Eile unsere Telefonnummern ab und verabredeten uns für den kommenden Samstag. Ich strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Ich würde ihn wiedersehen und das schon bald. Nur zu gern versprach ich Raffael, ihn vom Flughafen abzuholen. Endlich würden wir nach all der Zeit die Gelegenheit haben, in Ruhe miteinander zu reden. Zum Abschied hielten wir uns noch einmal im Arm. Er küsste mich auf die Wange und ich tat es ihm gleich. Wie lange hatte ich auf diesen Augenblick gewartet? Mein Herz floss über vor Freude und Dankbarkeit. Ich war über die Maßen glücklich und er schien es ebenso zu sein. Das musste er mir nicht sagen, denn ich konnte es nur allzu deutlich in seinen Augen sehen. Er drückte meine Hand und ließ sie erst los, als er ins Auto stieg. Wir strahlten uns an und für einen Atemzug lang schien alles um uns herum stillzustehen. Schließlich fuhr er los und winkte mir durchs offene Fenster noch einmal zu. Ich winkte zurück, bis nichts mehr von ihm zu sehen war.
***
Dann war sie da – die Glückswolke. Sie hüllte mich ein und nährte mich. Sie umschloss mich fest mit ihrem rosafarbenen Wabern. Den Weg zur Parkbank lief ich nicht, denn sie ließ mich schweben. Sicher trug mich meine Glückswolke über ein heranbrausendes Skateboard, welches fahrerlos über den Weg schlitterte, und über eine Bananenschale, die achtlos weggeworfen mitten auf dem Gehsteig lag. Ich sank auf die Parkbank, war schwach und dennoch stark zugleich. Das mochte sich merkwürdig anhören und doch fand ich keine anderen Worte für dieses Gefühl. Mein Gesicht leuchtete und ich strahlte mit der Nachmittagssonne um die Wette. Ich konnte nicht lesen. Nichts trinken. Nichts knabbern. Ich konnte nur an ihn denken. Raffael, sang es in meiner Seele, dieser schöne, unglaublich wunderbare Mann. Raffael, meine große, unglückliche Liebe.

Verloren
Es muss zum Ende des Winters vor etwa fünf Jahren gewesen sein, als Raffael und ich uns kennenlernten. Ein letzter Rest Schnee bedeckte die Straßen, als mein Freund Lars und ich aus dem Auto stiegen und zum Eingang des großen Mehrfamilienhauses strebten. Wir waren der Einladung eines befreundeten Pärchens gefolgt und Lars hielt unsere Gastgeschenke in Händen: eine große Schale mit von mir zubereiteter Mousse au Chocolat und eine Flasche Rotwein. Es war abzusehen, was uns an diesem Abend erwartete, denn an dieser typischen Art Feier, welche von jeweils einem Pärchen für andere, befreundete Pärchen organisiert wird, hatten wir schon oft teilgenommen. In der Tat verirrten sich nur wenige Singles auf derlei Veranstaltungen und natürlich war ich kein bedauernswerter Single wie einige meiner weniger glücklichen Freunde. Vielmehr war ich Teil eines bereits seit längerer Zeit solide funktionierenden Zweiergespanns mit meinem damaligen Freund Lars. Unsere Beziehung war nicht besonders aufregend, aber mit fast achtundzwanzig Jahren tickte meine biologische Uhr – zumindest bildete ich mir das ein – und seine mit fast sechsunddreißig noch viel lauter. Wir hatten darum nach langen Jahren des Zusammenseins beschlossen, dass es an der Zeit sei, unser gleichförmiges Leben mit einem Nachkommen aufzupeppen und bereits beim ersten Versuch wurden wir schwanger. Endlich hatten wir wieder etwas gefunden, wofür wir uns beide gleichermaßen interessierten. Und unser Leben war plötzlich direkt aufregend geworden: regelmäßiges Babyfernsehen beim Onkel Frauendoktor, gemeinsames Lesen von Baby- und Schwangerschaftsbüchern, gemeinsame Einkaufsbummel in diversen Möbelhäusern und natürlich ausgiebiges Shopping in der Kinderabteilung von Bekleidungsgeschäften. Schon lange nicht mehr hatten wir unsere gemeinsame Zeit miteinander so sehr genossen.
Mein Busen wuchs zusehends zu einer ansehnlichen Größe heran. Ich fühlte mich weiblich und anstatt den Bauch einzuziehen, konnte ich nun endlich stolz auf mein kleines Bäuchlein sein und dieses aller Welt präsentieren. Ich fühlte mich rundum wohl und – was nicht zu unterschätzen war – überaus wichtig. Jemand, unser Baby, wuchs in meinem Bauch heran. Ich würde Mutter sein und Lars Vater. Wir würden alles anders machen als unsere Eltern. Zumindest nahmen wir uns das vor. Wir nutzten jede Gelegenheit, um vor Freunden mit unserer Schwangerschaft anzugeben, und schlugen daher keine einzige Einladung aus. Schließlich hatten wir es ja geschafft. Wir waren uns treu und schon jahrelang ein Paar. Zudem hatten wir beide tolle Jobs und jeder von uns fuhr ein schickes Auto. Gemeinsam wohnten wir in einer schönen Gegend in unserer beider Heimatstadt Mannheim – in einer schicken Vier-Raum-Wohnung mit edlen Designermöbeln. Und nun die Krönung: Wir waren tatsächlich schwanger.

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Deine Jedida