Maria – Leseprobe

1. Ich tanze mir meinen Weg nach Hause
Die junge Frau auf der steil ins Meer hinabfallenden, vom Mondlicht beleuchteten Klippe blickte hinauf zu den Sternen. Ein kräftiger Windhauch wirbelte ihr langes Haar hoch und ließ es dann zurück auf ihren nackten Leib fallen.
»Ich tanze für dich, Liebster«, rief sie laut. »Ich tanze für dich, Himmel, der du auf mich herabschaust.«
Sie stampfte mit ihrem bloßen Fuß auf den Felsen. »Ich tanze für dich, Erde, die du mich trägst.«
Ihre Füße begannen zu tänzeln. »Aber vor allem tanze ich für die Liebe, die uns alle miteinander verbindet.«
Das eben noch ernste und feierliche Gesicht der Frau wurde fröhlich. »Und ich tanze für mich selbst«, erhob sie ihre Stimme und begann zu singen, während sich ihr zarter Leib sanft zu einer Musik zu bewegen begann, die nur sie hören konnte. Weithin erschallte der Klang ihrer Stimme, und für einen Moment verstummten die Geräusche des nächtlichen Wäldchens zu ihrer Seite.
»Ich tanze«, sang sie. »Ich tanze das Leben. Ich tanze die Liebe. Ich tanze das Lachen. Ich tanze mich. Ich tanze dich. Ich tanze uns. Ich tanze den Herzschlag. Ich tanze im Takt des Universums. Ich tanze den Puls des Daseins. Ich tanze den Rhythmus des Atems. Ich tanze mir meinen Weg nach Hause. Nach Hause. Nach Hause.«
Graziös bewegte sich ihre Gestalt, und ihr Gesang vermischte sich mit dem wieder einsetzenden Rascheln der Bäume und der Nachttiere, die ihre Jagd fortsetzten. Mal tanzte sie wild, mal ausgelassen und ein anderes Mal zart wie eine Elfe. Ihr Körper war nicht mehr ihrem Willen unterworfen. Etwas Ursprüngliches, nicht Greifbares schien sie zu lenken, als sie sich im Tanz mit allem verband, was war, was ist und was sein wird.
In der Ferne lauschte der alte Mann. Er hörte sie singen, schreien, weinen, aber vor allem hörte er eines: wie das Leben sich wieder einmal selbst gebar – durch den Körper dieses Mädchens und durch ihre Bewegungen. Andächtig stand er da und fühlte, wie auch in seinen alten Körper Kraft und Zuversicht strömten. Langsam begann er, sich hin und her zu wiegen und zu summen. Der Hund zu seinen Füßen hatte sich zusammengerollt und schien zu schlafen.

(Aus dem unveröffentlichten Manuskript eines unbekannten Autors mit dem Titel: »Das Haus und die Welt«)

2. Maria – Meilenweit kein Mann in Sicht
Maria nippte an den Resten ihres entkoffeinierten Soja-Eiskaffees und seufzte.
Das ist doch zum Verrücktwerden!
Resigniert wanderte ihr Blick über die in strahlenden Sonnenschein getauchte Terrasse des neu eröffneten Cafés, in dem sie saß, zur geschäftigen Fußgängerzone. Trotz der vielen Passanten dort war wieder einmal weit und breit nicht ein einziger sympathischer Single-Mann in Sicht. Und das, wo sie doch gerade wahnsinnig Lust hatte auf ein bisschen zwangloses Flirten, ein Date oder gar einen kleinen Ausflug zu zweit, da sie sich nach einem zarten Kuss sehnte und nach einer warmen, kräftigen Hand, die die ihre hielt.
Wo sind nur all die tollen, nicht gebundenen Männer, denen ich niemals begegne? Ihre Mundwinkel zuckten und ihre Augen wurden feucht. Verfall nicht in Selbstmitleid, mahnte sie sich. Nicht schon wieder. Sie griff nach einem Taschentuch und tupfte sorgfältig an ihren Augen herum. Bloß nicht das Make-up verschmieren.
Es war Freitagnachmittag, und die Sonne schien mit aller Kraft, deren sie im August, dem letzten Wintermonat in Perth, fähig war – und das war eine ganze Menge. Perth, die Hauptstadt Westaustraliens, war schließlich die australische Metropole mit den meisten Sonnenstunden pro Jahr. Wo überall Frohmut und Ausgelassenheit zu herrschen schien, fühlte sich Maria zum wiederholten Male deprimiert und vor allem anderen eins: einsam. Auf der breiten Straße vor dem Café mit dem nach Freiheit und verlockender Ferne klingenden Namen ›Indian Ocean View‹ im Stadtteil East Fremantle schlenderten wie gewöhnlich eine Menge Menschen hin und her. Heute trugen sie die nicht benötigte Jacke lässig über den Arm gelegt, und Fremde lächelten sich im Vorübergehen herzlich an. Alle außer ihr, so schien es zumindest, waren entspannt und genossen augenscheinlich die milder werdende Luft, die spüren ließ, dass der Frühling herannahte.
Maria sah Mütter mit kleinen Kindern an der Hand und ältere Damen mit Begleiter, die sich in Schale geworfen hatten und zu wer weiß was unterwegs waren. Und da waren Pärchen. Immer wieder Pärchen. Verliebte oder auch weniger verliebte Paare. Ältere und junge Pärchen. Paare mit Kindern. Sie alle waren wenigstens zu zweit. Nur sie selbst saß alleine am Tisch, die sorgfältig gefeilten Fingernägel unruhig auf den Tisch trommeln lassend.
Was haben diese Menschen, was ich nicht habe? Wieso bin ausgerechnet ich allein? Was stimmt nicht mit mir? Immer die gleichen frustrierenden Gedanken. Schwer wie Beton hatten sie in ihrem Hirn ein Bollwerk errichtet, welches sich nicht beiseiteschieben ließ. Wie es scheint, werde ich auch heute keinem potentiellen Partner begegnen. Die Sonne schafft es, jedermann zum Strahlen zu bringen, nur ich bleibe außen vor. Wie immer. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, jeder halbwegs nette, ungebundene Mann in einem Radius von etwa zweihundert Metern um mich herum würde, wie von höherer Hand gelenkt, in eine andere Richtung abbiegen, damit er mir nur nicht begegnet.
Sie hatte keine Erklärung dafür, und doch war es nicht von der Hand zu weisen. Was sie auch tat, wohin sie auch ging, nur sie selbst schien offenbar für alle Zeiten zum Alleinsein verdammt zu sein.
Wie lautet dieser dämliche Spruch, der von meiner Familie in meinem Beisein nur allzu gern zitiert wird? Jeder Topf findet irgendwann seinen Deckel? Also, wo ist bitte schön mein Deckel, mein Gegenstück? Meine fehlende bessere Hälfte?
Ich bin es so was von leid, noch immer erfolglos auf Denjenigen welchen zu warten.

Mit leerem Blick starrte Maria auf ihre schmalen Hände, die flach auf dem Tisch lagen. Ich bin so allein. Der Kellner, der in diesem Augenblick die Rechnung brachte, schaute sie fragend an, als er ihr tiefes Seufzen vernahm. Mühsam riss sie sich zusammen, zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht und schaute ihm freundlich in die Augen, einen divenhaften Augenaufschlag an ihm erprobend.
Er konnte nicht sehr überzeugend gewesen sein, denn die Miene des Kellners blieb so kühl und arrogant wie in dem Moment, in dem sie das Café betreten hatte. Scheinbar ungerührt von ihrem zarten Annäherungsversuch legte er die Rechnung auf den Tisch und blieb abwartend neben ihr stehen.
»Macht sieben Dollar zwanzig«, sagte er, ohne sein Gesicht auch nur zu der kleinsten Andeutung eines Lächelns zu verziehen.
Maria unterdrückte einen weiteren Seufzer. Ganz sicher ist er Teil eines stabilen und glücklichen Superpärchens, da er meinen unschuldigen und absolut winzigen Flirtversuch so dermaßen abblockt. Das gibt ihm nicht das Recht, mich so herablassend anzusehen, dachte sie. Und wenn er gleich dreimal in einer noch so tollen Beziehung ist, heißt das noch lange nicht, dass er auch nur ein Stück besser ist als ich. So ein klitzekleiner Flirt hat noch niemandem wehgetan. Dir schon gleich gar nicht, Mister Eingebildet und Arrogant.
Sie spürte, wie Ärger in ihr hochkochte. Gehört das nicht irgendwie auch zu seinem Job? Nett und zuvorkommend zu sein, ein wenig zu flirten, sich sein Trinkgeld redlich zu verdienen?
Ungeschickt kramte sie ein paar mehr Münzen als benötigt aus ihrer Geldbörse und legte sie auf die Rechnung. Er hatte sie zwar nicht verdient, aber sie war zu stolz, ihn das wissen zu lassen, also zahlte sie das erwartete Trinkgeld.
Ich stehe darüber, ermahnte sie sich. Ich lasse mich von seiner anlehnenden Haltung nicht herunterziehen.
»Danke, stimmt so«, murmelte sie, ohne ihn noch einmal anzusehen, und suchte ihre Sachen zusammen.
»No worries, Ma’am. See ya!«
Maria schnaubte. Ma’am? Ernsthaft? Für wie alt hält er mich denn bitte? Wer in Perth nennt eine Dreißigjährige Ma’am? Sie schüttelte den Kopf. Soll er sich sein »See ya!« sonst wohin stecken. Ich werde ganz gewiss nicht noch einmal hierherkommen.
Es war ohnehin zu erwarten, dass ein Café ausschließlich für Veganer und mit so wenig Auswahlmöglichkeiten sich nicht allzu lange halten würde. Da konnte es sich mit dem tollen Namen ›Indian Ocean View‹ schmücken, wie es wollte. Die Aussies waren in der Regel keine Vegetarier und schon gleich gar keine Veganer. Das würde Mr. Arrogant sicher auch noch feststellen müssen. Sie selbst hatte im Café rein gar nichts essen können mit ihrer Glutenunverträglichkeit.
Abrupt stand sie auf, warf ihre Designerhandtasche schwungvoll über die Schulter und stöckelte auf ihren spitzen Absätzen davon.
Nimmt eigentlich irgendjemand jemals Notiz von mir als Frau und sexuellem Wesen?, begann ihr Gedankenkarussell erneut, als sie auf die Straße trat. Es ist unbegreiflich. Alles an mir stimmte doch, soweit ich das beurteilen kann. Ich bin intelligent, habe einen tollen Job, sehe gut aus und bin im absolut besten Alter.
An einem der Schaufenster mit einem goldenen Standspiegel in der Auslage blieb sie stehen. Ihre mandelförmigen blaugrünen Augen mit den kleinen braunen Punkten darin blickten ihr missmutig entgegen. Unwillkürlich runzelte sich ihre Stirn. Der Blick der Frau im Spiegel wirkte gereizt, übel gelaunt und alles andere als anziehend. Ihre Hand fuhr zu ihren Lippen, Daumen und Zeigefinger schoben die Mundwinkel nach oben zu einem Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. Dabei hatte sie heute im Grunde genommen einen guten Tag. Nur der Gedanke an ihre seit geschlagenen zehn Jahren unveränderte Lebenssituation hatte sie wieder einmal vollkommen runtergezogen. Zehn ewig lange Jahre Single zu sein war nichts, was sie sich als Teenager für ihr Leben erträumt hatte. Ich sollte längst verheiratet sein und ein, zwei Kinder haben. Die Sehnsucht nach einem Mann an ihrer Seite, ihrem schmerzlich entbehrten Gegenstück, schnürte ihr die Kehle zu. Ich sollte nicht allein sein. So ist es nicht bestimmt.
Sie ließ die Hand sinken, die ihre Mundwinkel nach oben gehalten hatte und strich sich das blonde, glatt über die Schultern fallende Haar zurück. Auch ohne die Unterstützung ihrer Hände wagte sie ein Lächeln, legte den Kopf zur Seite und betrachtete sich.
Ich bin schön, dachte sie. Zumindest mag ich, was ich da vor mir sehe. Ich halte so viel auf mich, bin stets sorgfältig gekleidet, und selbst mein Haar sitzt jederzeit perfekt. Schuhe, Handtasche und überhaupt mein ganzes Ensemble sind täglich wohl durchdacht aufeinander abgestimmt. Ich achte strikt auf meine Figur und bin nicht, wie viele andere, lediglich zahlendes Mitglied in einem Fitnesscenter, nein, ich trainiere tatsächlich regelmäßig und das wirklich ausdauernd. Wieso bin ich für Männer unsichtbar?
Marias Mundwinkel sanken wieder herab. Eine Träne rollte ihre perfekt geschminkte Wange herunter.Unglücklich wandte sie ihr Gesicht vom Spiegel ab und lief weiter die Straße entlang.
Gnadenlose zweimal in der Woche gehe ich zum Bauch-Beine-Po-Training, Mittwochabend ist Yoga Pflicht, und hin und wieder gehe ich auch zum Spinning oder anderen Kursen, auf welche ich gerade Lust habe. Ich trainiere wirklich eisern, egal wie müde ich manches Mal bin. Man kann wirklich nicht sagen, dass ich nichts her mache und ich tue so viel dafür. So viel.
Resigniert wandte sie sich von ihrem Spiegelbild ab. Beim Training bin ich mindestens ebenso verbissen wie bei der Arbeit. Wann immer sie sich aufraffen konnte – und das war in der Tat recht oft, denn sie war nun mal ein Frühaufsteher, Early Bird, wie die Aussies es nannten –, stand sie beim ersten Sonnenstrahl auf und zog sich ihre knallengen Laufhosen an. Am frühen Morgen waren die Temperaturen noch angenehm kühl, und dann joggte sie durch den Park und die noch menschenleeren Straßen. Sie liebte es, wenn die Luft noch sauber und wohlriechend war, bevor die Autos die Straßen in Beschlag nahmen und sie mit ihren Abgasen verpesteten.
Statt Kindern und einem liebevollen Partner habe ich Zeit im Überfluss, holten sie ihre Gedanken wieder ein, als sie die Straße entlang schlenderte. Sie ballte die Fäuste, als sie daran dachte, dass sie wohl der einzige Mensch in ganz Perth war, der fand, dass er zu viel Zeit hatte. Sie selbst hatte wahrlich mehr als genug davon, denn sogar wenn sie Überstunden anhängen musste, blieb immer noch genug Zeit übrig, die mit Aktivitäten gefüllt werden wollte. Und die nicht von Arbeit oder Training beanspruchten Stunden, diese ach so kostbare Freizeit, waren unglaublich schwierig für sie.
Eine ältere Dame, die ihr entgegen kam, sah sie fragend an. Wie kann man nur so sauertöpfisch schauen an einem Tag wie diesem, schien ihr Blick zu fragen, aber Maria lief mit verkniffenem Gesicht weiter. Jedermann freut sich auf das Wochenende. Jedermann außer mir. Für mich ist der Freitag lediglich der Auftakt zu noch mehr Einsamkeit. Freitag, der Tag vor dem einsamen Samstag und dem noch einsameren Sonntag. Der bittere Zug um ihren Mund grub sich tiefer, ließ ihr Gesicht älter wirken als es tatsächlich war. Missmutig dachte sie an die ihr verhassten Sonntage, die ihr ihren ungewöhnlichen Zeitüberfluss am deutlichsten machten. Sonntage sind ausschließlich für Familien reserviert, stellte sie fest, auf jeden Fall aber nicht für unfreiwillige Singles, die noch nicht einmal einen Freundeskreis haben.
Ihre Gedanken schweiften ab zu einer unangenehmen Erinnerung, die ihr besonders im Gedächtnis geblieben war. An jenem Sonntag war sie, einem spontanen Impuls folgend, nicht trainieren, sondern spazieren gegangen. Gut gelaunt war sie in einem eng anliegenden, bodenlangen Kleid, was sie sich am Tag davor gegönnt hatte, am Swan River entlang flaniert, bis sie bei einem Restaurant ankam. Es schien erst vor kurzem eröffnet zu haben und wirkte überaus einladend. Da gab es Schatten spendende Bäume, einen wundervollen Blick auf den Fluss und das dicht bewachsene Ufer und – wie Maria erfreut feststellte – ein sie ansprechendes vegetarisches Gericht auf der Speisekarte.
Das kam nur sehr selten vor, vor allem, weil sie peinlich genau darauf achten musste, was sie aß. Kaum ein Restaurant oder Café verfügte über ein gutes Angebot für Veganer wie sie, die zusätzlich noch an diversen Allergien litten. Zu ihrer Glutenproblematik und der Laktoseintoleranz gesellten sich eine saisonale Allergie gegen Pollen und eine Unverträglichkeit gegenüber bestimmten Zusatzstoffen in Nahrung oder Kosmetika. Maria konnte so einige Allergien abdecken, die es gab. Daher kehrte sie ungern irgendwo ein, wo sie noch nie zuvor gespeist hatte.
In diesem Restaurant jedoch erspähte sie schon nach einem Blick in die Speisekarte ein Gericht, welches nicht nur essbar erschien, sondern sogar noch wahre Gaumenfreuden versprach: gebackene Riesenbohnen auf veganem Käsefrikassee, serviert in einem Nest aus Sprossen, garniert mit Balsamicocreme und Feigenkonfitüre.
Maria war äußerst erstaunt, ein derartiges Gericht in einem Lokal zu entdecken, welches sonst nur Fleischgerichte führte. Bei dem, was er laut Karte versprach, schien der Koch entweder selbst Veganer oder in der Materie zumindest mehr als bewandert zu sein.
Sie bestellte also dieses vielversprechende Gericht und lehnte sich entspannt in dem bequemen Stuhl zurück – und dann hatte sie es mit einem Mal registriert: Niemand, aber wirklich niemand außer ihr, speiste allein.
Da waren sie wieder und bevölkerten heiß verliebt Tisch um Tisch: Pärchen über Pärchen. Einige knutschten, andere sahen sich über den Tisch hinweg selig in die Augen. Die meisten aber hatten kleine Kinder bei sich und verschiedene Trage-Apparaturen, mit welchen die liebenden Väter ihren Nachwuchs hin und her trugen, damit die frisch gebackenen Mamis in Ruhe ihr Essen zu sich nehmen konnten.
Der Appetit, den sie nach ihrem Spaziergang verspürt hatte, verging ihr gründlich. Stattdessen meldeten sich die Magenkrämpfe, unter denen sie so häufig litt.
Das ist so was von unfair, hatte sie gedacht. Was an mir ist so anders als an diesen Frauen? Sie sind weder schöner noch schlanker als ich. Ganz im Gegenteil. Einige von ihnen sind vollkommen ungeschminkt und haben ihr Haar achtlos zu einem Zopf zusammengebunden. Warum also haben alle diese weiblichen Geschöpfe einen Mann und ich nicht? Ich verstehe es einfach nicht und es bringt mich zum Weinen.
Hastig kramte sie in ihrer Tasche nach einem Kleenex, als eine der jungen Mütter an sie heran trat und darum bat, ein Foto von sich und ihrem Liebsten mit dem kleinen Goldschatz in ihren Armen zu machen. Und am liebsten nicht nur ein Foto, sondern noch je ein Foto von links und eins von rechts und dann noch eins, auf dem das kleine ›Zuckerschnäuzchen‹ auch auf jeden Fall gemeinsam mit seinen Eltern und völlig synchron in die Kamera lachte.
Wie ich die Nase voll habe von diesen Sonntagspärchen, schrie es in ihrem Innersten auf. Ich habe überhaupt die Nase voll von all diesem ganzen Verliebtheits-Getue. Wer sind die überhaupt, dass sie anderen ihr Glück immer wieder auf so unerträgliche Art und Weise unter die Nase reiben dürfen. Nein, beschloss Maria, das werde ich mir nicht eine Sekunde länger antun.
Sie sprang ruckartig auf, winkte den Kellner zu sich und bestellte ihr Essen wieder ab, ohne die junge Mutter neben ihr auch nur eines Blickes zu würdigen. Der Klumpen Traurigkeit, den sie stetig mit sich trug, schwoll in ihrem Hals an. Mit dem Taschentuch betupfte sie hektisch Augen und Nase. Ich bin nicht unhöflich, dachte sie. Ich bin nur nicht unbegrenzt leidensfähig. In einem Zug leerte sie ihr Getränk und versuchte den Klumpen in ihrer Kehle herunterzuspülen, aber es gelang ihr nicht. Kopflos lief sie aus dem Restaurant, während bittere Tränen ihre Wangen hinabliefen. Was für einen Wert hat mein Leben, dachte sie, wenn ich es mit niemandem teilen kann, wenn ich immerzu alleine bin?
Sie ließ sich auf eine Bank mit Blick auf den Swan River sinken und weinte leise vor sich hin. Wieso kann ich nicht einfach glücklich sein?
Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, fuhr sie nicht nach Hause, sondern folgte ihrem ursprünglichen Plan und eilte ins Fitnesscenter. Dort trainierte sie so lange, bis ihr wirklich alles wehtat. Erst als sie völlig erschöpft war, hatte sie nach Hause fahren können. Es war ihr wie Versagen vorgekommen, wieder einmal heimzukehren und noch immer nichts an ihrem nicht vorhandenen Liebesleben geändert zu haben.
Heute, an diesem vermaledeiten Freitag, war sie mindestens ebenso deprimiert wie an diesem längst vergangenen Sonntag. Sie schnitt ihrem Spiegelbild in der Scheibe eines Vans, an dem sie vorüberlief, eine Grimasse und ging dann weiter in Richtung Bushaltestelle.
Das Fitnesscenter, mein Rückzugsort, meine Beschäftigungstherapie an einsamen Tagen, dachte sie niedergeschlagen. Wer außer mir wählt neben seinem Zuhause ein Fitnessstudio als sein Refugium, als sein ganz persönliches Stückchen heile Welt? Und doch: ich werde heute nicht dorthin ausweichen, sondern stattdessen noch ein wenig spazieren und nachdenken. Es muss eine andere Lösung geben. Ich kann unmöglich der einzige einsame Mensch sein, den es in Perth gibt, versuchte sie, logisch an ihr Problem heranzugehen.
Ob es anderen Singles, auch eben jenen Männern, denen ich niemals begegne, ebenso ergeht wie mir? Ob sie sich an Sonntagen vor der Welt verstecken und einfach mal eben einem Tag lang abtauchen, um dem Anblick der unerträglichen Sonntagspärchen zu entgehen? Aber falls ja, wo sind sie nur? Und wie zum Geier kann ich sie finden?
Es war ja nicht so, als ob das starke Geschlecht in ihrem Leben gar nicht vertreten war. Besonders im Berufsleben hatte sie mit einigen überaus netten und gut aussehenden Exemplaren dieser Gattung zu tun. Sie waren jung, kultiviert und unterhaltsam, und täglich und gern arbeitete sie mit ihnen zusammen. Aber es waren allesamt verheiratete Männer und Familienväter.
Dann waren da noch jene Männer, mit denen sie im Fitnesscenter gelegentlich sprach. Mit zweien von ihnen verstand sie sich besonders gut, zumindest während ihrer Trainingseinheiten. Der Haken daran? Die beiden waren ein glückliches homosexuelles Paar – war ja klar.
Und dann gab es noch zwei weitere Kategorien Mannsbilder. Diejenigen nämlich, die unter keinen Umständen jemals Notiz von ihr nahmen, und jene, die nur mit ihr flirteten, weil das nun mal zu ihrem Job gehörte: die Fitnesstrainer, die Kellner und die Verkäufer. Ihr anbiederndes Gebaren und ihre Manier, mit fadenscheinigen Komplimenten um sich zu werfen, waren nicht ernst zu nehmen, und Maria fehlte im Großen und Ganzen die Lust zu diesem Geplänkel, diesem vollkommen oberflächlichen und nichtssagenden Hin und Her.
Aber eben im ›Indian Ocean View‹ hätte ich durchaus das eine oder andere Kompliment vertragen können, selbst eine vollkommen unehrliche Schmeichelei, Hauptsache irgendeine Art von Aufmerksamkeit. Einfach nur, um mich nicht so unendlich einsam zu fühlen und um überhaupt in Interaktion mit dem männlichen Geschlecht zu treten.
Dabei habe ich ja sogar einen Bruder, der mich seinen Freunden vorstellen könnte. Aber Josef ist schwul und mit ihm verbindet mich rein gar nichts, außer, dass wir die gleiche Mutter haben. Mit der mich im Übrigen auch nichts verbindet außer unserer Blutsverwandtschaft, dachte sie bitter. Sie mag mich nicht besonders und ich habe es aufgegeben, um ihre Liebe zu betteln. Wenn Ruth nicht wäre und die Großeltern, dann könnte ich meine Familie mal kreuzweise.
Das Herumschlendern unter fremden Menschen, die scheinbar gut gelaunt und vollkommen mit sich selbst beschäftigt, an ihr vorbeiliefen, bereitete ihr nur wenig Freude, aber sie wollte noch nicht heim. Der nachmittägliche Aufenthalt im Café war zu kurz und zudem unbefriedigend gewesen.
Wie ich es hasse, nach der Arbeit direkt nach Hause zu fahren. Ganz besonders an Freitagen wie heute.
Einmal zu Hause, in ihrer ›Burg‹, raffte sie sich nur selten dazu auf, sich erneut unter Menschen zu begeben. Deswegen hatte sie es sich zur Gewohnheit gemacht, sich an Freitagen bereits frühmorgens für einen Ort zu entscheiden, welchen sie nach der Arbeit aufsuchen würde. Mal besuchte sie ein Museum, mal den Zoo oder wie an diesem Tag ein neu eröffnetes Café im Szeneviertel von Fremantle.
Diese Herangehensweise war nicht nur auf ihrem eigenen Mist gewachsen. In einem ihrer Ratgeber für Singles, den sie im vorigen Jahr lektoriert hatte, hieß es, es sei ratsam, neue Wege zu beschreiten, wenn man ernsthaft auf der Suche nach einem Partner sei.
Ich folge diesem neuen Weg nun schon seit über einem Jahr, aber bislang hat diese Methode, so strikt ich mich auch daran halte, noch keine Früchte getragen. Nicht ein einziges Mal bin ich einem Mann nahe genug gekommen, um mit ihm ernsthaft in Kontakt zu treten.
Einmal hatte ein Mann ihr freundlich lächelnd die Tür aufgehalten, aber noch bevor sie mehr als ein Danke sagen konnte, war er bereits außer Hörweite gewesen, und hinterherschreien mochte sie ihm nicht. Ein anderes Mal hatte sie eine Radtour entlang des Swan Rivers unternommen, bei der ihr die Fahrradkette heruntersprang. Ein Radfahrer in voller Fahrermontur, der angehalten hatte, um einen Schluck zu trinken, setzte ihr Fahrrad, ohne viele Worte zu machen, wieder instand. Sie bedankte sich freundlich und wollte ihn auf einen Drink einladen, aber er sah nur auf die Uhr und bemerkte hastig, er sei gerade im Training. Dann war er in einem Affentempo davongefahren.
Meistens aber war sie unterwegs, ohne auch nur einem einzigen Mann zu begegnen. Ihre diesbezüglichen, wenn auch erfolglosen Versuche waren zwar immer noch besser, als alleine zu Hause zu hocken, aber nach all der Zeit, die sie vergeblich investiert hatte, hatte sich ein gerütteltes Maß an Frustration eingestellt.
Vor allem, wenn sie nachts alleine in ihrem Bett lag und sich schlaflos von einer Seite auf die andere drehte. Da war niemand bei ihr, niemand, der ihre Haut berührte oder ihr Haar streichelte. Keine Lippen, die die ihren suchten. Es gab keine Leidenschaft und kein Stöhnen in ihrem Bett. Nur den rosafarbenen Vibrator in der Schublade ihres Nachttischs, für den sie in der letzen Zeit kaum noch Verwendung hatte.
Die Verzweiflung, die in ihr herangewachsen und groß geworden war, dämpfte ihre Lust bis auf den absoluten Nullpunkt. Sie war nicht einmal mehr sicher, ob sie überhaupt noch Lust verspürte oder ob sie nur meinte, Lust verspüren zu müssen, um sich wenigstens halbwegs der Norm entsprechend zu fühlen.
Eine Frau meines Alters sollte doch zumindest hin und wieder Fleischeslust empfinden, oder etwa nicht? Nicht umsonst stellte Freud schon vor über einhundert Jahren einen Zusammenhang zwischen der Libido und dem Selbsterhaltungstrieb her. Das hatte zumindest in einem der Ratgeber gestanden, den sie vor kurzem lektoriert hatte. Und Jung, Freuds Nachfolger, hatte den Sexualtrieb demgemäß als allgemein lebensfördernde Energie bezeichnet, die dem fernöstlichen Pränatal oder Chi entspricht. Kein Wunder, dass meine Lebensenergie so schwach ausgeprägt ist, wo ich doch nur ein einziges Mal in meinem Leben Sex hatte. Ein einziges Mal, was zudem noch zehn Jahre zurückliegt und bei mir nur einen schalen Geschmack zurückgelassen hat. Ich will trotzdem Sex haben, auch wenn ich keine Lust verspüre. Ich will es wenigstens probieren und ich will diese Lebensenergie fühlen, von der alle sprechen und die in Liebesromanen so wundervoll beschrieben ist.
Maria stöhnte leise, als sie sich auf die Plastikbank an der Bushaltestelle sinken ließ. Gott sei Dank muss ich keine Liebesromane mehr lektorieren. Denn ich will die Liebe nicht lektorieren, ich will sie erleben. Mit Haut und Haar und allen Konsequenzen, die sie mit sich bringt.
Ein weiteres Stöhnen kam über ihre Lippen. Verlagen schaute sie sich um, doch niemand schien ihren Fauxpas bemerkt zu haben. Der junge Mann neben ihr hörte lautstark Musik, eine ältere Frau telefonierte. Irgendwie schienen alle außer ihr mit ihren Smartphones beschäftigt zu sein.
Nur ich habe keinen Liebsten, den ich anrufen kann. Es ist wirklich zum Aus-der-Haut-fahren, plagte sie sich. Zumal es keine logische Erklärung dafür gibt, dass ich so einsam bin und seit diesem einen Mal vor zehn Jahren niemals einen Mann habe. Langsam glaube ich, es liegt eine Art böser Zauber auf mir, der tatsächlich all die unverheirateten männlichen Singles in Sichtweite dazu bringt, einen anderen Weg einzuschlagen, wann immer ich irgendwo entlanglaufe.
In meinem kürzlich lektorierten Ratgeber stand, die besten Plätze, einen neuen Partner kennenzulernen, seien der Supermarkt, große Einkaufszentren oder generell Orte, an welchen man lange warten müsse.
Aber das kann ich nicht bestätigen. Weder im ›High Road Shopping Centre‹ noch im riesigen ›Westfield Carousel‹ noch in einer der kleinen Ladenpassagen in meiner Nähe war ich jemals erfolgreich.

Und sie ging oft einkaufen, schon allein, weil sie viel Wert auf frische und vollwertige Ernährung legte. Sie hatte ihre Einkaufszeit mal auf den Nachmittag gelegt, mal auf den späten Abend, und sie war sogar absichtlich in Spätshops einkaufen gewesen, aber Männer hatte sie dabei keine kennengelernt. Nicht ein einziges Mal.
Der Bus fuhr ein und Maria erhob sich von der Bank, auf der sie gesessen hatte. Sie drängte sich zwischen die verschwitzen Körper der anderen Passagiere. Der Bus war gerappelt voll an diesem Freitagnachmittag. Als die Türen sich schlossen, verspürte sie Panik. Die verschwitzte Achsel eines Mannes, der sich an einem der Riemen, die von der Decke baumelten, festhielt, streifte ihr Gesicht. Abgestandener Rauch und Deodorant vermischt mit Schweißgeruch belästigten ihre Nase. Unangenehm berührt wandte sie sich zur Seite. Das ist nicht die Art Nähe, die ich suche. Wieso musste ich unbedingt zur Rush Hour den Bus nehmen? An einem Freitag!
Aber Autofahren war nicht gerade Marias Lieblingsbeschäftigung. Zudem waren die Parkplätze in East Fremantle spärlich gesät und zudem unverschämt teuer.
Bin ich denn als Einzige in meiner Familie zu einem Leben ohne Partner verdammt, fragte sie sich an der nächsten Haltestelle, während sie sich im leerer werdenden Bus auf einen freien Platz drängte.
Meine Mutter hat nun bereits den vierten Ehemann, und sie scheint für ihre Verhältnisse glücklich mit ihm zu sein. Zwar stammen alle ihre drei Kinder von verschiedenen Vätern, aber das hat Mutter noch nie gekümmert oder etwa daran gehindert, neue Bekanntschaften zu machen, knüpfen, auch wenn sie jetzt wieder mit Murphy, ihrem Ex-Freund, zusammen ist. Meine dreieinhalb Jahre ältere Schwester Ruth ist bereits seit fünfzehn Jahren verheiratet. Ihre Beziehung scheint glücklich zu sein, und drei gesunde Jungs machen ihre Familie komplett. Mein nur um zwei Jahre älterer Bruder Josef ist schwul, hat immer wieder mal einen festen Freund, ist niemals lange Single. Und selbst wenn er tatsächlich mal nicht liiert ist, so prahlt er doch stets mit seinem Sexleben, vollkommen ungerührt davon, ob ich das wissen will oder nicht.
Selbst mein Workaholic von leiblichem Vater, Mutters Exmann Nummer drei, ist in einer stabilen Partnerschaft. Mit seiner neuen Frau hat er bereits kurz nach der Scheidung von meiner Mutter noch zwei Kinder in die Welt gesetzt. Zwillinge, nicht viel jünger als ich. Zwei hübsche Mädels mit lockigen, braunen Haaren. Natürlich sind auch die Zwillinge und zwar jede für sich, Part eines glücklichen Vorzeigepärchens. Klar. Alle außer mir, würde ich sagen.

Der Bus fuhr vom Highway ab und bog in die schmaleren Straßen des Stadtteils Ferndale ein. Nur noch wenige Menschen saßen darin, aber Maria nahm keine Notiz von ihnen.
Mein dreiunddreißigster Geburtstag rückt unaufhaltsam näher. Noch nicht einmal vier Monate, bis ich wieder einmal vor versammelter Mannschaft gedemütigt werde.
Ihr graute vor dem Familienfest, welches unweigerlich bevorstand.
Sie sah förmlich vor sich, wie der Großvater im Laufe des Barbecues schwerfällig aufstehen und an sein Glas schlagen würde, bis alle still wären.
»Unsere Maria«, würde er sagen, »ist ja nun wieder ein Jahr älter und reifer geworden. Und wir fragen uns alle, Maria, wann es so weit ist, dass du uns mit einem netten Mann an deiner Seite überraschst und uns zu Urgroßeltern machst? Großmutter und ich haben nicht mehr viel Zeit, wie du weißt. Also, Kind, was gibt es Neues zu berichten?«
Alle würden lachen, sich zuzwinkern und so wie jedes Jahr denken: Ein weiteres Jahr ist vergangen, Maria ist älter geworden, und immer noch gibt es keinen Mann in ihrem Leben.
Bei dieser Vorstellung hätte Maria am liebsten wie ein kleines Kind wütend auf den Boden gestampft und laut aufgeschrien, aber ihr schickes Outfit und die High Heels verhinderten, dass sie sich in einem voll besetzten Bus vor den anderen Insassen lächerlich machte. Ich bin nicht bekloppt, ermahnte sie sich. Ich bin einfach nur verzweifelt, wenn auch zum Glück bald zu Hause. Da merkt wenigstens niemand, dass ich wieder einmal vollkommen neben der Spur bin. Ruckartig drückte sie auf den Halteknopf. Zischend öffneten sich die Türen des Buses an der Haltestelle Willcock Street. Ihre Absätze klackerten auf den Asphalt, als sie ausstieg. Während sie in den Champlin Way, die Straße, in der wie wohnte, einbog, hing sie weiter ihren trüben Gedanken nach. Die Sonnenstrahlen blendeten sie und anstatt sie aufzumuntern verstärkten sie nur ihre üble Laune. Selbst dem strahlend blauen Himmel konnte sie nicht das Geringste abgewinnen, wenn sie sich währenddessen an ihre vergangenen Geburtstage erinnerte.
An ihrem einunddreißigsten Geburtstag hatten Josef und sein damaliger Freund Ralph darum gewettet, ob Maria es wohl bis zum nächsten Jahr schaffen würde, einen Mann zu finden. Josef hatte laut gelacht und klipp und klar Nein gesagt, doch sein Freund hatte für Maria gewettet. Aber an ihrem nächstem Geburtstag waren sie nicht mehr zusammen und Maria war entgegen seiner Fürsprache natürlich immer noch Single.
Ihr war der Wortwechsel der beiden Männer jedoch noch immer im Gedächtnis. Sie war damals gerade von der Toilette gekommen, als sie die beiden Männer über sich reden hörte. Hastig hatte sie sich hinter dem schweren Vorhang im Flur versteckt und die beiden belauscht.
Josef boxte Ralph in die Seite und sagte: »Du setzt aufs falsche Pferd, mein Freund. Sie wird nie einen finden, meine kleine Schwester. Sie hat irgendwas an sich, was die Männer abschreckt und kilometerweit von ihr fernhält. Ich muss es wissen. Ich bin ihr Bruder. Selbst auf mich wirkt sie nicht anziehend, mag sie äußerlich auch wie eine Barbie wirken, aber sie hat einfach keinen Reiz.«
Vehement schüttelte sein Freund den Kopf. »Das ist doch Quatsch. Du bist schwul, Mann, und sie ist deine Schwester. Klar, findest du sie nicht anziehend. Du stehst schließlich auf mich, Babe.« Er zog Josef an sich heran und küsste ihn aufreizend. Dann fasste er seinen Partner am Kinn. »Sie hat einfach noch nicht den Richtigen getroffen, du heißer Hengst, das ist alles. Das passiert eben manchmal. Hack nicht auf ihr rum. Auf mich wirkt sie ohnehin so fragil.«
Doch ihr Bruder hielt ihm auffordernd die Hand hin. »Schlag ein, Buddy! Ich kenne meine kleine Schwester besser. Wollen wir wetten, dass sie bis nächstes Jahr wieder keinen findet? Ich schwöre es dir. Ich bin mir meiner Sache sehr sicher.«
Ralph murmelte etwas, das klang wie: »Um so etwas wettet man doch nicht.«
Josef aber flüsterte etwas in Ralphs Ohr, was sie nicht verstehen konnte. Die beiden knutschten wild miteinander, und Ralph sagte schlussendlich: »Okay, dann topp, die Wette gilt, Jos! Ich nagel dich drauf fest und wie ich das tun werde.«
Ihr albernes Gelächter dröhnte ihr in den Ohren, dann stiefelten sie turtelnd davon.
Prompt schossen Maria die Tränen in die Augen, und sie lief wieder zurück ins Badezimmer. Heulend hockte sie auf dem Wannenrand und haderte mit sich und ihrem Leben. Sie wusste nicht, wie lange sie dort gesessen hatte, bevor sie sich aufraffte, ihre Tasche aus dem Flur holte und auf die Straße rannte. Vornübergebeugt und auf die Knie gestützt, stand sie im Schatten eines Baumes und holte tief Luft.
Ich gehe heim. Scheiß auf meinen Geburtstag! Ein ebenso beschissener Tag wie jeder andere Tag meines Lebens.
Sie hatte sowieso das Gefühl, dass sie niemand zu vermissen schien. Es hätte durchaus auch jeder x-beliebige andere Tag sein können, so wenig Aufmerksamkeit wie ihr von ihrer Familie zuteilgeworden war. Nicht nur einmal in ihrem Leben hatte sie sich gefragt, ob sie überhaupt zu dieser Familie gehörte.
Ihre Allergien und ihre vegane Lebensweise wurden von ihrer Sippe nur mild belächelt und ansonsten ignoriert. Ihre Großmutter buk die schönsten Kuchen, doch es kam ihr nicht in den Sinn, zu Marias Geburtstag wenigstens ein einziges Mal eine vegane Torte zu backen.
Wo liegt dabei das Problem? Es ist schließlich mein Fest. Sollte da nicht alles so sein, wie ich es gern habe?
An ihrem letzten, dem zweiunddreißigsten Geburtstag, hatte Maria vor lauter Ärger gar nichts gegessen. Es gab einfach nichts, was sie vertrug oder was sie hätte zu sich nehmen wollen. Vollkommen gefrustet und hungrig trotz des reich gedeckten Tisches stand sie unter dem Prostest ihrer Familie auf und ging, denn zum Abendessen stand wieder nichts für sie Essbares auf dem Plan. Selbst in den Kartoffelsalat hatte Großmutter Schinkenwürfel gerührt und in den gemischten Salat gebratenes Hähnchen. Auf dem Grill lagen neben dem Fisch ein paar große Stücke Kängurufleisch. Maria war von Übelkeit überwältigt gewesen.
Ausgerechnet Känguru! Meine ganze Familie weiß doch, wie sehr ich diese Tiere liebe!
Doch ihre Familie war wie die meisten Aussies eine absolute Fleischfressersippe, welche selbst vor Känguru nicht zurückscheuten, obwohl dies gewöhnlich nur exportiert oder zu Hundefutter verarbeitet wurde.
»Wer liebt unsere hüpfenden und springenden Freunde nicht?«, hatte Josef spöttisch gefragt. »Känguru ist zunächst einmal Wildfleisch, holde Schwester, also absolut bio, nix Fertigfutter und BSE oder nicht artgerechte Haltung. Es enthält nur zwei Prozent Fett, jede Menge Eisen, was du an der satten roten Farbe erkennen kannst, und der Preis ist – last, but not least – einfach mal unschlagbar.«
Frustriert hatte Maria den Kopf geschüttelt. Das Verhalten ihres Bruders passte zu dem des Restes der Familie.
Auch ihre Großmutter hatte unmissverständlich erklärt, dass sie wegen ihrer Albernheiten nicht gedenke, Jahrzehnte alte und wohl erprobte Familienrezepte zu ändern. »Das schmeckt doch keinem«, hatte sie nur mit dem Kopf geschüttelt, als Maria ihr ein paar Tage vor ihrem Geburtstag ein Kochbuch mit veganen Rezepten vorbeigebracht hatte. »Wir wollen doch alle eine schöne Zeit miteinander haben.«
Zu Hause angekommen, hatte sie geweint und sich dann einen Salat zubereitet, aber letztlich war sie zu deprimiert gewesen, um ihn überhaupt zu essen. Das war ihr letzter Geburtstag gewesen. Männerfluch und Geburtstagsfluch, dachte sie niedergeschlagen. Wieso hake ich diese zwei Themen in meinem Leben nicht einfach ab? Sie laufen sowieso entweder gar nicht oder voll gegen den Baum.
Unglücklich lief sie durch die Einfahrt in Richtung ihres Hauses. Ihr Grundstück war das Schönste auf dieser Straße, wie sie fand. Trotz ihrer Laune blieb sie einen Moment stehen und genoss den Anblick, der sich ihr bot. Wo die Nachbarn sich abmühten, ungeachtet der australischen Trockenheit einen englischen Rasen zu kultivieren, blühte und grünte es bei ihr üppig. Große Palmen warfen ihren Schatten auf das Straßenpflaster und die dichte Unterbepflanzung schmiegte sich eng an die Hauswände und gab nur einen gebogenen Weg frei, der halbkreisförmig zur Garage führte und von dort wieder zurück zur Straße. Nachdem sie die Tür aufgeschlossen und Handtasche als auch Straßenbekleidung ordentlich abgelegt hatte, ging sie durchs Haus, während ihre Gedanken weiter kreisten.
Noch exakt sechzehn Wochen bis zu meinem Geburtstag! Am liebsten würde ich mich dieses Jahr einfach davor drücken. Das würde mir jede Menge Frust und Magenschmerzen ersparen. Niemand kann mich dazu zwingen, meinen eigenen Geburtstag zu feiern.
Natürlich konnte sie das so nicht sagen. Ihre Großeltern wären vermutlich am Boden zerstört. Sie legten viel Wert auf Familie und Tradition und Beisammensein.
»Jede Familienfeier kann für uns die letzte sein«, betonte ihre Oma regelmäßig, dabei waren sie und Großvater durchaus rüstig und mit guter Gesundheit gesegnet.
Unentwegt kreisten Marias Gedanken um einen Ausweg. Obschon sie wusste, dass ihr noch vier Monate verblieben, gab das Gedankenkarussell keine Ruhe.
Vielleicht sollte ich mich dieses Mal kurz vor meinem Geburtstag krank melden und mich dann bis zum Tag danach einfach zu Hause verkriechen. Die Familienmeute wird das Essen sowieso ohne mein Zutun vertilgen.
Aber ob die Familie eine klare und ehrliche Absage akzeptieren wird? Großmutter wird womöglich weinen. Und Opa? Ihn will ich lieber nicht wütend erleben.
Eine Umgehungslösung war also, sich krank zu melden und vor allem glaubwürdig krank zu spielen. Was für Möglichkeiten gibt es sonst noch? Den Chef um kurzfristigen Urlaub bitten, einfach wegfahren und erst wieder kommen, wenn Gras über die Sache gewachsen ist?
Das war durchaus eine Option, mit welcher sie sich anfreunden konnte. Auch wenn sie womöglich feige und kindisch war. Aber ich laufe ja immer weg, wenn mir etwas nicht passt. Das behauptet zumindest Ruth, meine Schwester. Und ganz unrecht hat sie damit wohl nicht.
Oder Option drei: doch noch schnell einen Mann finden? Diese Option klingt noch am erstrebenswertesten, falls sie sich überhaupt bewerkstelligen lässt. Es muss ja kein Mann sein, den ich tatsächlich liebe und der auch nur ein winziges Quäntchen Zuneigung für mich hat. Das habe ich ja schon zur Genüge und vollkommen vergeblich versucht.
Vielleicht sollte ich einfach einen Schauspieler engagieren, der mich zu meinem Geburtstag begleitet. Es kann doch einfach irgendjemand sein. Ein Sprungbrett-Mann. Ein Übungspartner. Hauptsache, er ist nett, halbwegs vorzeigbar und spielt seine Rolle vor meiner Familie perfekt.
Ich brauche einen Mann, der den Fluch bricht. Vielleicht bin ich dann frei? Womöglich bin ich es einfach nur falsch angegangen, weil ich stets nur nach dem Mann meiner Träume gesucht habe?

In ihrem Geist entfaltete sich ein Plan. Auf Option eins und zwei konnte jederzeit zurückgegriffen werden. Option drei war die, die noch ein paar Wochen Frist hatte.
Es muss einfach gelingen, in diesem Zeitraum einen Mann zu finden. Irgendeinen. Vergiss Gefühle, Maria. Vergiss deine Wünsche. Geh einfach so an dieses Problem heran, wie du es tust, wenn du dich im Büro in einem deiner zu lektorierenden Ratgeber verbeißt. Bislang habe ich beruflich noch immer alles geschafft, was ich mir vorgenommen habe.
Ich bekomme das hin
, sprach sie sich Mut zu. Ich werde nicht zögern oder hin und her überlegen. Stattdessen werde ich mutig sein, abenteuerlustig und zu jeder Schandtat bereit. So oft als möglich werde ich ein Date haben. Ich werde keins davon ernst nehmen. Und wenn der Mann nett ist und infrage kommt, dann weihe ich ihn ein. Wir proben seinen Auftritt in meiner Familie wie ein Bühnenstück. Wie einen Tanz im Ballett. Ihre Kehle schnürte sich zu bei diesem Gedanken, also schob sie ihn rasch beiseite. Dann nicht wie im Ballett, sondern wie im Theater. Ihr Magen beruhigte sich. Irgendwie bekomme ich das hin, redete sie sich ein. Mit viel Willen und Durchhaltevermögen finde ich meinen Vorzeige-Mann. Kein einziges Rendezvous werde ich absagen. Keinen einzigen Kandidaten, der mich anschreibt oder anspricht, werde ich zurückweisen. Zunächst einmal werde ich zu jedem Ja sagen. Ich muss es einfach versuchen, und ich werde erfolgreich sein. Innerhalb der nächsten vier Monate werde ich einen Alibi-Mann haben. Komme, was da wolle!
Wild entschlossen warf sie ihr Haar zurück und lief ins Bad. Ich werfe mich jetzt so richtig in Schale, dachte Maria, und dann gehe ich aus. Ein Scheitern akzeptiere ich dieses Mal nicht. Hier geht es nämlich nicht um mich, sondern einzig allein um meinem Plan.

3. Shaune – Der Ersatzmusiker
»Fuck, fuck, fuck! Wie. Ich. Das. Hasse.« Mit dem Turnschuh trat Shaune heftig gegen den Türrahmen, an den er sich eben noch gelehnt hatte. »Ah!« Er schüttelte die langen, schwarz gefärbten Haare in wilder Heavy-Metal-Manier.
»Chill, Alter«, ließ sich sein bester Freund Twin vernehmen, ein drahtiger Vierundzwanzigjähriger mit dicken, braunen Locken, die über seine Schultern herabfielen. »Hör auf damit!« Twin stand auf und hielt den Freund an den Schultern fest. »Lass gut sein, sonst brichst du dir womöglich noch den Fuß! Was’n überhaupt los?«
»Torres hat mich eben mal wieder in letzter Minute rausgekickt. Scheiße, Mann.«
»Wie jetzt? Für den Gig heute Abend? Und das fällt ihm zwei Stunden vorher ein, dass er doch keinen Schlagzeuger braucht?«
»Japp, ich bin ich raus. Wieder mal.«
»Eine Band, in der du nur der allzeit bereite Ersatzmann für Bass und Schlagzeug bist, ist einfach nicht das Richtige für dich, das sag ich dir immer wieder. Selbst wenn die beiden Luschis öfter mal ausfallen.« Twin hieb Shaune mit der flachen Hand auf den Rücken. »Sieh’s positiv, Bro. Wir haben den Abend frei, ich bin bei dir und wir lassen’s wieder mal ordentlich krachen.«
Shaune fuhr sich ärgerlich mit den Händen durch sein langes Haar, fasste es im Nacken zusammen, nur um es gleich darauf wieder loszulassen. »Geht auch nicht. Ich darf sozusagen auf der Ersatzbank sitzen.«
»Nicht dein Ernst, Alter?« Twin starrte ihn mit offenem Mund an.
»Doch ist es. Eventuell fällt Ace aus und ich muss stattdessen Bass spielen.«
»Das lässt du mit dir machen? Keine Ahnung, Mann, aber die treiben es ganz schön bunt mit dir, diese Möchtegern-erfolgreich-Band. Steig aus, aus diesem Saftladen. Das hast du doch gar nicht nötig.«
»Bevor ich nichts Besseres gefunden habe? Eher nicht. Ich hab in der letzten Zeit schon bei einigen Bands vorgespielt, aber der richtige Sound war einfach noch nicht dabei – und die richtigen Leute auch nicht.«
»Meine Rede, Alter. Meine Rede. Hier in Perth wird das nie was. Der Prophet im eigenen Lande taugt eben nix.«
»Wo hast du denn diese Weisheit her?«
»Mein Großvater, hab ihn selig, pflegte diesen Satz allerorten zu predigen«, feixte Twin.
»Und das soll heißen?«
»Du wirst niemals an dem Ort groß, an dem du mal klein gewesen bist.«
»Ahh«, machte Shaune und runzelte die Stirn. »Ergibt irgendwie Sinn.«
»Lass uns nach Sidney gehen, Alter«, fuhr Twin euphorisch fort. »Oder Melbourne meinetwegen. Irgendwohin, wo richtig was geht.«
»Twin, mein fernwehkranker Freund.« Shaune lachte. »Mann, wie lange sind wir jetzt wieder da? Sind noch nicht mal neun Monate, seit wir wieder an Land sind, oder?«
»Ich hab Nomadenblut in mir, Bro. Es ist Zeit, weiterzuziehen. Wirst du an meiner Seite reisen, Freund?« Mit großer Geste hielt Twin die Hand nach oben. Shaune schlug ein, ein fettes Grinsen im Gesicht. »Mit dir geh ich überall hin. Aber lass mich erstmal ankommen, ja?«
»Wenn es das ist, was du brauchst«, bemerkte Twin lapidar, dann griff er nach einer der Gitarren, die mit Haken an der Wand befestigt waren. Seine langen Haare streiften den Freund, als er sich vorbeugte und ebenfalls nach einer Gitarre langte.
»Twin-Schätzchen, du musst mal wieder Spitzen schneiden, fürchte ich«, alberte Shaune und zog seinen Freund an den Strähnen, die sich inzwischen über die Gitarrensaiten schlängelten.
»Pfoten weg von meiner Haarpracht, Mann. Ich bin froh, dass ich die endlich so lang bekommen habe.« Twin drehte den Kopf und strich stolz über seine hüftlangen, dunkelbraunen Haare, dann setzte er sich auf den Sessel. »Wenn der Bart nur genauso wachsen würde!« Er zwirbelte die Barthaare, deren Enden er mit einem Band unter dem Kinn zusammengefasst hatte. »Einer der absoluten Nachteile vom Schiff, würde ich mal sagen. Striktes Bartverbot im Küchenbereich. Mit dem ewigen Zopftragen konnte ich mich ja noch anfreunden, aber meine Gesichtszierde nackten und kahlen Wangen weichen zu lassen, das war schon hart.«
Shaune grinste und griff nach einer anderen Gitarre, die neben dem Sofa gelehnt hatte. »Der Bart ist doch schon gut lang geworden seither.«
»Keinesfalls lang genug für meinen Geschmack. Und ich muss das Barttragen auskosten, so lange es währt. Falls ich kurz entschlossen doch wieder an Bord gehe.«
»Hast du nicht gesagt, die Zeiten sind vorbei? Ein für alle Mal?«
»Hey, Alter, wenn mit der Musik weiterhin nichts geht, stehe ich bei Princess Cruises wieder auf der Matte. Die nehmen mich jederzeit mit Kusshand zurück. Und dich genauso, Mann. Es sei denn, du gehst mit mir nach Melbourne. Das ziehe ich dem hektischen Alltag an Bord allemal vor.«
Shaune winkte ab. Von Reisen wollte er im Moment nichts wissen. »So schlecht sind die ›Shutterheads‹, mit denen du im Moment spielst, durchaus nicht«, lenkte er ab. »Ihr werdet auf jeden Fall regelmäßiger gebucht als wir.«
»Ja, klar. Aber nur deswegen, weil wir ausschließlich das spielen, was die Leute hören wollen: Partymucke. Und je länger der Abend voranschreitet und je betrunkener das Publikum ist, desto weniger spielt es eine Rolle, was wir wirklich drauf haben. Es muss sich nur halbwegs bekannt anhören und die Leute wollen ordentlich mitgrölen, während sie sich einen abhotten. Das ist alles, was zählt. Befriedigt mich in keiner Weise.« Twins Gesicht verzog sich unwillig, während er die Gitarre stimmte.
Shaune drehte ebenfalls an den Wirbeln, dann spielte er ein paar Akkorde. »Wie auch immer. Ich bin froh, dass ich mal wieder an Land bin. Wenigstens für eine Weile. Das Leben an Bord ist jetzt auch nicht gerade eine einzige Party. Also lass uns noch ein bisschen ›jammen‹, bevor ich los muss.«
»Geht gleich los, Mann, sobald ich dieses Schätzchen hier soweit habe.« Twin zupfte die Saiten und drehte vorsichtig an den Wirbeln der Gitarre, während das Stimmgerät ausschlug. »Ich finde trotzdem, wir zwei sollten was Eigenes auf die Beine stellen, anstatt unser Potenzial in mittelmäßigen Bands zu verschwenden, die nicht einen einzigen unserer hammermäßigen Songs ins Programm aufnehmen.«
»Hm«, machte Shaune unbestimmt. Er kannte die Ambitionen seines Freundes, was seine musikalische Karriere anbetraf. Nicht, dass er selbst nicht ebenfalls ambitioniert war, dennoch verfolgte er seine diesbezüglichen Ziele nur recht halbherzig. Er wusste selbst nicht, warum. Vielleicht fehlte es ihm an Ehrgeiz, vielleicht war es aber auch nur diese Stadt, die ihn herunterzog. Zu viele Erinnerungen. Zu viel Schmerz. Zu viele Altlasten. Er wollte nicht hier sein, aber er hatte eine Verpflichtung zu erfüllen, die er zwar hasste, die ihn aber dennoch an Perth band. So fest, wie einen nur irgendetwas binden konnte. Und außerdem hatte er sie getroffen. Das Mädchen, dem er seither in fast jedem seiner Träume begegnete. Sie schwieg in seinen Träumen und sie sah in niemals an, er aber wurde nicht müde, sie zu betrachten. Wenn er an sie dachte, wurde sein Herz weit und ganz leicht, und das trotz aller Lasten, die er mit sich trug.
»Hast du wieder mal was geschrieben?«, unterbrach Twin seine Gedanken.
Shaune griff hinter sich und reichte Twin ein Blatt. »Ich schreibe eine verdammte Menge in letzter Zeit. Das hier ist das letzte, was ich zu Papier gebracht habe.«
Twin ließ seine Augen über den Text huschen, über den ein paar Buchstabengruppen gekritzelt waren. »Nicht schlecht soweit, die Akkorde. Könnten allerdings noch ein bisschen ausgefeilt werden, wenn du mich fragst.« Er summte die Melodie vor sich hin, dann hielt er inne. »Aber ehrlich Mann, Alter. ›Could he wait any longer, will he stay, till she knows?‹ Klingt für mich nach dem ewig gleichen Thema, seit wie lange? Ein Jahr und paar Monate? Und immer noch die selbe Kleine?«
Abwesend nickte Shaune und klimperte ein paar Akkorde.
Twin seufzte auf. »Das ist dann wohl wahre Liebe, Bro. Das beflügelt unsereinen. Das ist Inspiration fürs Künstlerherz. Der Stoff, aus dem richtig große Songs gestrickt sind. Gefällt mir, deine Beständigkeit. Echt, Mann. So, Bro, dann lass uns das jetzt mal durchspielen.«
Twin zupfte die ersten Takte und dann tönte Shaunes raue Stimme durch das Zimmer.