Karma – Im Taumel der Gefühle – Leseprobe

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Rose

Londonderry, Irland, 15. Oktober 1847

Blicklos hastete das Mädchen die Straße entlang. Das feuerrote, kaum schulterlange Haar stand wirr vom Kopf ab, der graue Umhang war ihr von der Schulter gerutscht. Mit dem Handrücken wischte sie sich über die Augen und schüttelte verzweifelt den Kopf.
Wie konnte er mich nur so grausam demütigen? Ohne Erbarmen hat er mich von sich gestoßen. Weggejagt hat er mich, die ich heimatvertrieben und gänzlich entwurzelt bin. Voller Abscheu war sein letzter Blick, mitleidslos. Ist das alles, was von seiner Liebe übrig ist? Dass ich ihm lästig, ein Gräuel, geworden bin?
Hilflos fuhr die schmale Hand an ihre Kehle, Kummer schnürte ihren Hals zu. Tränen vernebelten ihre Sicht. Wie getrieben hetzte sie dahin, strebte unaufhaltsam hinfort, heraus aus den Mauern, welche die Stadt umschlossen. Weg von dem Einen, den sie von Kindesbeinen an heiß und innig liebte, dem sie noch immer treu ergeben war.
Fremde Menschen stießen sie im Vorübergehen an, sie bemerkte es nicht. Seelenpein kreischte in ihrem Inneren, tobte und wütete. Ein dicker Klumpen hatte sich in ihrem Rachen gebildet, nahm ihr die Luft zum Atmen und würgte sie entsetzlich.
Viel zu lange habe ich gehofft, gebangt und gewartet. All mein Sehnen, all mein Streben war vergeblich. Nicht nur ihn habe ich verloren. Um mein Erbe gebracht, bin ich heimatlos, eine Ausgestoßene unter einstigen Nachbarn geworden. Meine Vergangenheit brandmarkt mich als Verfemte. Jeden, der mir nahestand, hat das Schicksal von mir gerissen. Ungeliebt und von aller Welt verlassen, bin ich zurückgeblieben.
Laut schluchzte sie auf und schlug die Hand vor den Mund.
Was für einen Zweck erfüllt mein Leben, wenn es niemanden gibt, der mich liebt und bei sich haben will? Die einzige Seele, mit der ich in wahrer Liebe verbunden bin, ist unerreichbar für mich. Auf einem anderen Kontinent führt sie ein unstetes Leben. Ich werde sie niemals wiedersehen.
Heftig schwankte die magere Gestalt, während sie mit tränenverschleiertem Blick durch eines der Stadttore wankte. Die Leute hielten sie für eine Irre und wechselten die Straßenseite, sobald sie ihrer ansichtig wurden. Schritte für Schritt entfernte sie sich weiter von der ummauerten Stadt. Entsetzliche Hoffnungslosigkeit hielt ihre Seele umklammert, zwängte ihren Lebenswillen ein und ließ sie keinen Ausweg sehen.
Ein Kutscher wich ihr fluchend aus, der nächste hatte weniger Glück. Das Mädchen hatte sich vor sein Gespann geworfen. Er riss die Zügel hoch, doch die Pferde traten erschrocken um sich. Bevor er die Tiere beruhigen konnte, hatten ihr Kopf und die Brust bereits mehrere Huftritte abbekommen. Gliedmaßen zuckten, während ihr Blut auf die Straße rann. Keuchend rang sie nach Luft, röchelte. Unsäglicher Schmerz breitete sich aus und wurde übermächtig. Ihre Sinne schwanden. Ihre Geistesregungen zeigten sich nicht mehr klar und strukturiert, sondern verliefen ineinander und ergaben keine Bedeutung mehr.
Der letzte bewusste Gedanke aber galt nicht dem einstigen Geliebten, nicht den Eltern oder Geschwistern, die vor ihr in die andere Welt gegangen waren. Das letzte Bild, welches in ihrer Vorstellung Konturen annahm, war das Antlitz einer Frau, welche ihr schwarzes Kopfhaar kurzgeschoren und sich wie ein Mannsbild gekleidet hatte. Ein verzweifeltes Stöhnen entrang sich ihren Lippen.
»Dara …« Mit der schmerzlichen Erinnerung an das Gesicht der teuren Freundin in der Ferne hauchte sie qualvoll ihr blutjunges Leben aus.

Der leblose Körper wurde von Passanten beiseite getragen. Zurück blieb das Blut auf der Straße, doch Staub legte sich bald darüber. Pferdehufe und Räder von Pferdefuhrwerken trugen Reste davon mit sich, bis sich die letzten Spuren ihres Todes im einsetzenden Nieselregen verloren hatten.
Bar jeder Regung, lag ihr geschundener Leib vor den Toren der Stadt im Straßengraben. Da ruhte der Körper und es schien niemanden zu geben, der sich bereit erklärte, der Verblichenen ein ordentliches Begräbnis zukommen zu lassen.

Der Körper
Burscough, Vereinigtes Königreich, 15. Oktober 2004
Neben den Bahngleisen unweit der Burscough Bridge hingestreckt, fand sich die verdrehte Gestalt einer jungen Frau. Das lange dunkelrote Haar auf dem regenfeuchten Boden ausgebreitet, beschmutzt und blutig. Der sterbende Körper bebte, trug die Erinnerung an Sturz und nachfolgenden Aufschlag in sich.
Angst war jäh aufgewallt und hatte ihm den Atem geraubt, als die Frau sich hinabfallen ließ. Vom einfahrenden Zug davon geschleudert fuhr ein Knirschen durch den Leib, erschütterte ihn und traf ihn bis ins Mark. Wirbel verschoben sich ruckartig. Unsäglicher, alles durchdringender Schmerz griff um sich, nagte und fraß an ihm wie eine ausgehungerte Raubkatze. Auf den Boden klatschend, durchflutete ihn Fassungslosigkeit und die Gewissheit von Endgültigkeit. Gesichter von Menschen, die die Sterbende geliebt hatte, Bilder von Heim und Garten zogen in rasender Folge vor seinem inneren Auge vorbei, begleiteten ihn in seinen letzten Minuten. Die Erscheinungen verschwammen, wurden undeutlich, bis sich eine letzte klare Vision zeigte: Das Lächeln einer unbekannten und gleichsam vertrauten Frau mit dunklen Haaren und leuchtenden Augen. Der Körper konnte nichts mehr zuordnen, nichts festhalten, rasender Schmerz wurde unerträglich. Die Lider zuckten und der letzte Atemzug endete in einem Röcheln. Dunkelheit. Stille. Etwas war gegangen.

Gleichzeitig war da noch etwas Anderes im Gange. Eine fremde Präsenz trat in den Körper. Nach kurzer Unterbrechung setzte der Atem wieder ein, und Blut begann an schmerzenden Stellen zu pulsieren. Ein Ächzen verließ die aufgebissenen Lippen, als der Körper ruckartig versuchte, sich zu bewegen. Krachend sprangen Wirbel an ihren ursprünglichen Platz zurück. Wilde, entsetzliche Pein durchzuckte und marterte ihn, schüttelte ihn wie Espenlaub.
Stimmen, Geschrei, Aufregung brandeten in einiger Entfernung auf. Noch waren die Laute nicht nah, doch ihre Intensität steigerte sich stetig. Drohende Gefahr signalisierten die Sinne. Ächzend rappelte sich der Körper auf, kniete, kroch auf allen vieren.
Etwas in ihm trieb ihn erbarmungslos an, die kleine Baumgruppe nahe den Gleisen zu erreichen. Etwas, das instinktiv handelte, ihn forttrieb von diesem Ort, den Körper zwang, schneller zu kriechen, die hämmernden Schmerzen zu übergehen.
Als die Bäume erreicht waren, wies das fremde Etwas ihn an, sich an ihnen heraufzuziehen. Für einen Moment wurde die Pein unerträglich, lähmend. Er wimmerte und stöhnte, doch die veränderte Körperhaltung brachte Erleichterung. Auf den unverletzten Beinen und dem weichen Erdboden kam er nun zügiger voran. Er lief. Lief schneller. Rannte. Der Körper tat, wie das Etwas ihm geheißen. Hinterfragte nicht. Lief. Blätter raschelten, Wurzeln ließen ihn stolpern, doch der Körper fing sich, ein um das andere Mal, und bewegte sich dabei kontinuierlich durch unwegsames Gelände. Hastete durch ein Meer von Bäumen und an Büschen vorbei, die ihn mit ihren dürren Zweigen kratzten.
Eine verfallene Gartenlaube, hinter dichtem Geäst versteckt, kam in Sichtweite und das Etwas stoppte den Körper. Hieß ihn, langsam und vorsichtig, das von einer hohen Hecke umgebene Gebiet zu umkreisen. Ungepflegt, verlassen, wäre die korrekte Bezeichnung für das, was er vorfand, doch der Körper hatte keine Worte dafür. Das Etwas wies ihn an, das niedrige, schiefe Holztor aufzusperren. Es quietschte in den Angeln und öffnete sich ein stückweit. Mit seinem gesamten Gewicht warf sich der Körper dagegen, taumelte. Morsches Holz gab nach und ließ ihn auf einen mit Laub bedeckten Gartenweg stürzen. Das Weh steigerte sich ins Unermessliche, kraftlos verharrte er auf dem modrigen Laub. Erstarrt und wie tot lag der Körper da und verweigerte seinen Dienst. Kälte kroch in ihn, nagte an ihm, saugte die verbliebene Lebenswärme erbarmungslos in den Boden.
Doch das Etwas in ihm rebellierte. Trieb ihn an, forderte wieder und wieder, blieb unerbittlich. Ein grunzendes, kaum menschliches Geräusch entfuhr ihm, als er versuchte, sich auf alle viere zu erheben und daran scheiterte. Das Etwas drängte ihn erneut, sprach nun liebevoll mit ihm. Versprach Ruhe und Wärme und Schlaf. Der Körper schien zu verstehen, nahm die letzten verbliebenen Kraftreserven zusammen, zog sich auf die Knie, setzte eine Hand vor die andere. Im Vorbeikriechen langte seine Hand nach einer porösen, alten Plane und zog sie hinter sich her. Robbte, bis er an eine hölzerne Luke stieß. Das Etwas leitete ihn an, dort hinein zu krabbeln, und gehorsam folgte der Leib den Anweisungen.
Darin war es eng und roch muffig, doch am Boden fanden sich eine verblichene Decke und ein über und über mit Haaren bedecktes Kissen. Der Körper fand kaum Platz, quälte sich mühselig vorwärts und blieb sodann wie ein Embryo zusammengerollt liegen. Mit allerletzter Kraft zog eine Hand die Plane vor die Öffnung, nur um darauf ruckartig herab zu sacken. Alle Lebenskraft schien die Gestalt verlassen zu haben. Kein Zurechtrücken, keine Bewegung mehr. Der Atem ging flach. Der Körper fiel in einen todesähnlichen Schlaf.