Kreativität vs. Kohle

Kreativität vs. KohleNeulich morgens sagte mein Neffe L. zu mir:

»Willst du nicht endlich mal wieder arbeiten gehen und Geld verdienen? Mit Bücherschreiben verdient man doch nichts!«
Eine klare Ansage – Bamm – und das auch noch aus dem Munde eines Zehnjährigen! Dabei hatte ich zu diesem Zeitpunkt doch gerade mal ganze vier Monate meiner berufliche Auszeit hinter mir. Nicht mehr und nicht weniger. Und schon gleich gar nicht war ich durch damit, meine Kreativität ausgelebt oder Zeit mit meinem Kind verbracht zu haben.
Einfache Frage also, sollte man meinen, aber gibt es tatsächlich eine einfache Antwort?

Zunächst einmal wunderte ich mich über diese so bestimmte Aussage eines Kindes, dessen Eltern einen sagen wir mal, recht alternativen Lebensstil pflegen. Der Vater von L. ist ein vielseitiger und gefragter Musiker und seine Mutter, meine Schwester, selbständige Yogalehrerin und Tantramasseurin mit Leib und Seele. Dazu näht sie leidenschaftlich gern und baut sich ein eigenes Markenlabel auf. Die Berufe beide sind durchaus keine alltäglichen Broterwerbe, geschweige denn welche, mit denen man fett Kohle macht. Nichtsdestotrotz lieben mein Schwager und meine Schwester es, nicht im herkömmlichen Sinne berufstätig zu sein, sondern vielmehr ihre Berufung – ihre Passion – zu leben. Sie gehen darin auf, kreativ zu sein, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und diesen ein selbstbestimmtes Leben vorzuleben. Sie entscheiden selbst, wann und wo sie arbeiten wollen – natürlich unter Einschränkungen. Aber gut, wo gibt es jene nicht? Schließlich müssen Miete und andere Fixkosten bezahlt werden und der Schulbesuch der Kinder ist hierzulande obligatorisch, weswegen L.’s Eltern versuchen, zumindest in der Nähe einer guten Schule zu wohnen.

»Warum denkst du, dass man mit Kreativität kein Geld verdient?«, habe ich meinen Neffen als erstes gefragt. Und dann hat er spontan all die Dinge aufgezählt, die andere Kinder an materiellen Dingen besitzen, die es im Haushalt meines Schwagers und meiner Schwester nicht gibt: Fernseher, PlayStation, ein eigenes Handy für jedes Kind und und und.
Dieser Punkt ging dann auf jeden Fall mal an meinen Neffen. L.’s Eltern, die keinen typischen, gut bezahlten 9-to-5-Job ausüben, können in ihrer Wohngegend, wo viele Eltern bestbezahlte Audianer sind, im Schlagabtausch der teuersten Geschenke für den Nachwuchs natürlich nicht mithalten. Doch was ist mit all den Nachmittagen am Badesee mit Vater, Mutter und Bruder, während andere Kinder im Schulhort darauf warten müssen, erst spät am Abend von ihren Eltern abgeholt zu werden? Sind Zeit, Zuneigung und Liebe der Eltern tatsächlich weniger wert als teure Geschenke wie Nintendo oder anderer technischer Schnickschnack?

Was also habe ich meinem Neffen geantwortet? Ich habe ihn nicht daran erinnert, dass ich letztes Jahr als Alleinerziehende Vollzeit gearbeitet habe und zudem Berufspendler war. Genauso wenig habe ich erwähnt, dass mein kleiner Sohn und ich zu dieser Zeit ständig krank waren. Zudem habe ich L. auch nicht erklärt, dass ein Großteil meines Einkommens für die doppelte Haushaltsführung draufging. Doch mir selbst war nur allzu gut in Erinnerung, wie ich mich nach der Arbeit und nach anstrengendem morgendlichen als auch abendlichen Pendeln gefühlt habe: vollkommen saft- und kraftlos. Mein zweites Zuhause in der Nähe meines Arbeitsplatzes war eine Zeitlang ein Campingplatz – aus Kostengründen, aber auch um an einem schönen See leben zu können. Dort hatte ich zwar kein Kind an meiner Seite, es sei denn, meine Familie kam mich mit meinem Kind besuchen, aber dennoch fehlten mir Zeit, Energie und Muse, um auch nur irgendetwas Kreatives anzugehen. Meine Buchprojekte verschwanden wieder auf einer meiner Festplatten und es sah ganz danach aus als würde dies auf Nimmerwiedersehen geschehen. Nach der Arbeit reichte meine Kraft meist gerade mal dazu, spazieren zu gehen, eine Runde zu schwimmen und zu Hause anzurufen. Dann hieß es auch schon wieder ab ins Bett, denn ich wusste, früh 04:50 Uhr klingelt bereits der Wecker. An den Wochenenden hatte ich, wenn es gut lief, insgesamt acht Stunden Pendelzeit, wenn es schlecht lief, auch mal zwölf Stunden. Freitagabend kam ich erschöpft nach Hause und oft hieß es bereits Sonntagnachmittag wieder ab auf die Autobahn.

Mein Kind und ich hatten das große Glück, dass wir zu dieser bei meiner Schwester und meinem Schwager im Haus leben durften, doch als Ausgleich für die Betreuung meines Kindes während der Wochentage hatte ich am Wochenende gleich drei Kinder um mich herum. Mein Söhnchen und meine beiden Neffen. Denn das Wochenende ist nun mal die Hauptarbeitszeit meines Schwagers und meiner Schwester. Ich fühlte mich vollkommen ausgebrannt und hatte das Gefühl, kein Leben mehr zu haben, obschon ich doch unter der Woche kein Kind um mich herum hatte und zudem zeitweise an einem schönen See wohnte.

Der Arzt, den ich wegen meiner unzähligen körperlichen Beschwerden aufgesucht hatte, schlug mir schließlich eine Mutter-Kind-Kur vor – immerhin hatte ich ja noch nie eine Kur beantragt, war alleinerziehend und chronisch anämisch, müde und schwach. Als ich jedoch alle Anträge dafür auf dem Tisch liegen hatte, war mir klar: das ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Eine Kur dient letzten Endes dazu, mich wieder fit zu machen fürs Arbeitsleben, jedoch nicht dem Ausleben meiner Kreativität und dem Zusammensein mit meinem Kind. Schon gleich gar nicht bei einem Kuraufenthalt mit lauter kleinen Kindern und deren gestressten und genervten Müttern, wie ich das beim Besuch einer Freundin in einer solchen Einrichtung erlebt hatte. Aber vor allem anderen wusste ich, eine Kur ändert nichts an der Gesamtsituation, für die ich eine Lösung finden musste. So stand ich also vor folgender Frage:

»Finanzielle Sicherheit in einem bombensicheren Job zu genießen und dabei in Kauf zu nehmen, krank, unglücklich und getrennt von meinem Kind zu sein? Oder sollte ich doch lieber das Risiko eingehen, eine berufliche Auszeit zu beantragen, um endlich wieder Zeit und Muse für meinen kleinen Sohn, mich und meine Kreativität, im Gegenzug jedoch keinerlei Aussicht auf festes Einkommen zu haben?«

Weitere Fragen standen im Raum:
»Was will ich? Was ist das Beste für meinen kleinen Sohn? Schaffe ich das? Wird mein Arbeitgeber das genehmigen?«

Mein Söhnchen war mittlerweile dauerkrank geworden und konnte nachts nicht mehr durchschlafen, weil er ständig Angst hatte, ich würde nicht wiederkommen. Und auch ich war krankheitsbedingt oft ausgefallen, aber würde mein Erspartes auch ausreichen?

Meine Entscheidung fiel auf Letzteres – die berufliche Auszeit und so stand ich Ende September letzten Jahres vor meinem Chef, habe ihn über meine Pläne unterrichtet und einen schriftlichen Antrag eingereicht. Mein Vorgesetzter kannte meine Situation und hatte keine Einwände. Dann lag der Antrag noch zwei Monate in der Personalabteilung. Währenddessen habe ich weiter gearbeitet und jeden Cent, den ich erübrigen konnte, beiseite gelegt. Eine eigene Wohnung und mein Auto hatte ich schon vor längerer Zeit aufgegeben. Eine Zeitlang lebte ich also im Camper und als es zu kalt wurde, bei meinem Bruder und seiner Freundin.
Anfang Dezember 2015 hatte ich nach mehreren Nachfragen endlich meine schriftliche Genehmigung für die berufliche Auszeit zum Zwecke der Betreuung meines Kindes. Zu meinem Geburtstag Mitte Dezember saß ich demgemäß im Reisebüro und habe voller Vorfreude, aber auch ein wenig beklommen unsere Flüge gebucht und nur fünf Tage später sind wir tatsächlich los geflogen.
Trotzdem ich also alleinerziehend mit Kind und derzeit ohne Einkommen bin, habe ich also von Beginn meiner beruflichen Auszeit an meinen Traum vom zumindest zeitweisen Leben im Ausland umgesetzt. Mein Sohn und ich waren demgemäß drei Monate in Australien und zudem einen ganzen Monat auf Bali. In Australien haben wir uns für einen Großteil unseres Aufenthaltes ein Haus mit Pool und Garten gemietet, ganz in der Nähe eines großen Parks. Noch bevor wir seinen vierten Geburtstag gefeiert haben, lernte Sohnemann denn auch schwimmen – nach wie vor bin ich stolz wie Bolle auf mich und meine kleine Wasserratte.
24/7 waren Söhnchen und ich zusammen und haben das brüllend heiße Sommerwetter in Perth mal mehr und mal weniger genossen. Aber auch wenn wir nachts in Ermangelung einer Klimaanlage oft nicht schlafen konnten, so tröstete doch der Gedanken daran, dass es in Deutschland kalt und grau sein würde. Ob brütender Hitze und trotzdem ich vier Monate lang keine noch so kleine Auszeit vom Muttersein hatte, ist es mir dennoch gelungen, ein weiteres Buch zu schreiben. Und was das Allerwichtigste: endlich hatte ich den Mut und die Kraft, meine digitale Schublade erneut zu öffnen und mich um die Veröffentlichung meiner Bücher zu kümmern. Wenn alles so klappt, wie ich das geplant habe, so gibt es meinen ersten Roman ab Juni diesen Jahres zu kaufen. Und das bedeutet mir was, habe ich ihn doch bereits im Jahr 2009 angefangen. Mittlerweile habe ich drei fertige Romane rumliegen und zudem bewegen mich noch ganz andere Dinge und darüber will ich ebenfalls schreiben.
Was soll ich sagen: ich liebe es, derzeit eine berufliche Auszeit gemeinsam mit meinem Kind zu haben und dabei meiner Passion, dem Schreiben, zu folgen – und das, wenn alles glatt geht, noch ganze acht Monate lang.

Aber das ist natürlich nicht die ganze Wahrheit:
Es ist nämlich so, dass es durchaus nicht immer einfach ist, den ganzen Tag über ein kleines Plappermäulchen um sich zu haben sowie überwiegend der einzige Ansprechpartner für mein Kind zu sein. Manches Mal würde ich zu gerne alleine spazieren gehen und einfach mal meinen Gedanken nachhängen. Und Geld ist ebenfalls ein Thema, welches ich zudem noch nicht abschließend für mich gelöst habe. Es ist sogar von solcher Dringlichkeit, dass ich allen Ernstes überlegt habe, am 01.07.16 doch wieder bei meinem Arbeitgeber auf der Matte zu stehen. Noch wäre das möglich, denn tatsächlich habe ich nur eine schriftliche Genehmigung für sechs Monate Auszeit, über meinen Folgeantrag bis Ende des Jahres wurde nämlich noch nicht entschieden.
Welche Antwort gebe ich also meinem Neffen L. und vor allem welche Antwort gebe ich mir selbst?

Womöglich verdiene ich mit Bücherschreiben nicht einmal ansatzweise so viel Geld wie in meinem Hauptjob, aber im Moment tue ich das, was ich liebe und bin mit den Menschen zusammen, die ich mag. Das macht mich froh. Was jedoch die Zukunft bringt, das kann ich heute noch nicht wissen. Ich kann nur Vertrauen in mich und meine Entscheidungen haben und wenn alle Stricke reißen, dann beantrage ich einen Kredit und lebe davon, bis ich wieder Einkommen erziele. Immerhin wartet ja ab Anfang Januar 2017 wieder meine alte Arbeit auf mich. Bin ich leichtsinnig, wenn ich noch nicht weiß, wo ich demnächst leben werde? Bin ich verantwortungslos, wenn ich statt im Büro zu sitzen, lieber mit meinem Kind zusammen und glücklich sein möchte? Ist es das wert, Nacht für Nacht und wann immer mein kleiner Sohn spielt, am iPad zu sitzen und meine Geschichten zu schreiben?

Ich sage ja. Das ist es wert. Jede einzelne Minute ist es wert. Und diese Antwort gebe ich auch meinem Neffen:
»Nein, ich will im Moment nicht arbeiten gehen. Ich will meine Bücher schreiben, auch ohne vorab wissen zu können, ob sie sich verkaufen. Ich will gesund und glücklich und mit meinem Söhnchen zusammen sein. Das will ich und das tue ich und der Rest wird sich fügen.«

Namasté!

Eure Jedida

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Eine Antwort auf Kreativität vs. Kohle

  1. L. sagt:

    Genau, so soll es sein 😉

    Der Tantra sei mit Dir und der R’n’R sowieso

    Dein Schwager L.

    Ps: NRW ich komme, ein Bayer auf seinem blau-weiß gestreiften Rad’l

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